›Serapeion‹

Das sog. Serapeion, eines der am besten erhaltenen monumentalen Bauwerke von Ephesos, wurde im 2. Jh. n. Chr. am Nordabhang des Bülbüldağ unmittelbar westlich der Tetragonos Agora errichtet. Die Ausgrabung des Serapeions begann in den Jahren 1911 und 1913 unter der Leitung von Rudolf Heberdey und wurde 1926 unter der Leitung von Josef Keil fortgesetzt. Eine erste zeichnerische Rekonstruktion fertigten Wilhelm Wilberg und Max Theuer an. Die Untersuchungen von Gerhard Langmann, Friedrich Hueber und Peter Scherrer von 1990–1992 konzentrierten sich auf die Säulenhallen und den Platz vor dem Tempel.

 

Die an drei Seiten von Hallen gerahmte und im Norden von einem Propylon erschlossene Platzanlage nimmt eine Größe von ca. 100 × 75 m ein. An der dem Propylon gegenüberliegenden Seite ist der Tempel mit seiner Rückseite in den Hang gebaut. Der Tempel erhebt sich über einer mächtigen Freitreppe mit acht prostylen Säulen, die von korinthischen Kapitellen bekrönt wurden.

 

Der Hauptraum des Tempels, die Cella, nimmt eine lichte Weite von 17,24 m auf 20,18 m ein, mit einer Apsis im Süden von 6,22 m auf 7,30 m. Die Wände der Cella sind durch Nischen gegliedert, die Längswände durch jeweils sechs Nischen, zu beiden Seiten der Apsis befindet sich jeweils eine weitere Nische. Mittig unterhalb der Nischen gibt es senkrechte Einarbeitungen für Wasserleitungen. Hinter der Türwand führt zu beiden Seiten jeweils ein Gang zu seitlichen Korridoren. Hinter der Rückwand sind zu beiden Seiten der Apsis schmale Treppen angeordnet. In frühchristlicher Zeit wurde der Tempel in eine Kirche umgewandelt, deren Einbauten an der Ostseite der Cella erhalten sind.

 

Der Säulen-, Tür- und Gebälkaufbau der Vorhalle besteht aus monolithischen weißen Marmorblöcken. Der Architrav über den Säulen und den Anten ist komplett erhalten, ebenso zahlreiche Blöcke des weiteren Gebälks mit einem aufwendig dekorierten Fries, Zahnschnitt, Konsolengeison und der Sima. Von besonderer Bedeutung sind die erhaltenen Blöcke der drei Erscheinungsfenster im Tympanon und das Hauptportal, dessen Türflügel mit Rollen auf bronzenen Laufbändern geöffnet werden konnten, ebenso die sechs Flügel einer Vergitterung zwischen den beiden Türlaibungen. Erhalten sind Fragmente der Türlaibungen und des Türsturzes sowie die Blöcke des mächtigen mehrlagigen Hyperthyrons und die beiden Türsturzkonsolen.

 

Der Tempel ist vor allem wegen dieses Hauptportals und der drei Erscheinungsfenster im Giebel für die Architekturgeschichte von außerordentlicher Bedeutung, nicht zuletzt auch aufgrund seines sehr guten Erhaltungszustands und der nahezu einzigartigen Möglichkeit, die Blöcke, die sich überwiegend noch in Sturzlage befinden, in Lage und Position genau zuordnen zu können.

Ziel der Bauuntersuchung des sog. Serapistempels, dem Forschungsprojekt der Hochschule Regensburg unter der Finanzierung der Ephesus Foundation, ist die zeichnerische Rekonstruktion des gesamten Tempels basierend auf einer detaillierten Dokumentation. So wurden bereits in der ersten Kampagne 2011 auf der Basis eines Plans der Sturzlage des Tempels 161 Architekturelemente in einer Datenbank mit Foto, Identifizierung, Angabe der Lage und Position inventarisiert, davon ausgewählte Architekturelemente des Gebälks und des Hauptportals verformungsgenau mit allen technischen Details und der Bauornamentik gezeichnet und in der Datenbank detailliert beschrieben. Die Blöcke wurden nach der Methode des sog. Handaufmaßes im M 1 : 10 gezeichnet, weil auf diese Weise alle für das Verständnis des Gebäudes und für die Rekonstruktion wichtigen Details erkannt und dokumentiert werden können.

 

Diese genaue Bauuntersuchung des Tempels führt zu verbindlichen zeichnerischen Rekonstruktionen der verschiedenen Bauphasen, in die sämtliche Bauteile in ihrem Erhaltungszustand als Porträt mit ihrer Inventarnummer eingetragen sind. Die Bauuntersuchung stellt zugleich eine elementare Grundlage für die künftige Präsentation der Tempelruine dar.

 

Nach den bisherigen Überlegungen zur Deutung galt der Bau zunächst als Tempel für Kaiser Claudius. Rudolf Heberdey interpretierte das Bauwerk aufgrund der Wasserleitungen als Nymphäum, und Josef Keil erkannte in dem Tempel aufgrund des Fundes der Inschriftenfragmente im Bereich des Propylons ein Serapeion. Peter Scherrer schließlich kam aufgrund der Nischen und Gänge zu der Deutung des Monuments als Mouseion. So ist ein zentrales Ziel der Bauuntersuchung, die bisherigen Überlegungen zur Deutung des Monuments zu prüfen.

 

Finanzierung

Ephesus Foundation


Literatur (Auswahl)

  • R. Heberdey, IX. Ein vorläufiger Bericht über die Grabungen in Ephesos, ÖJh 15, 1912, Beibl.157–182.
  • R. Heberdey, XI. Vorläufiger Bericht über die Grabungen in Ephesus 1913, ÖJh 18, 1915, Beibl. 77–88 Abb. 28–32.
  • J. Keil, XII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 23, 1926, Beibl. 247–300 Abb. 47.
  • J. Keil, Denkmäler des Serapiskultes in Ephesos, AnzWien 91, 1954, 217–229.
  • J. Keil, Ein Führer durch die Ruinenstätte und ihre Geschichte 5(Wien 1964) 102–105 Abb. 54–55.
  • R. Salditt-Trappmann, Tempel der ägyptischen Götter in Griechenland und der Westküste Kleinasiens, EPRO 15 (Leiden 1970) 26–32.
  • G. Langmann, Grabungen 1990/1991, s. v. Ephesos, ÖJh 61, 1991/92, 4–15.
  • G. Langmann – P. Scherrer, Grabungen 1992, s. v. Ephesos, ÖJh 62, 1993, 12–16.
  • P. Scherrer, Ephesos, der neue Führer. 100 Jahre österreichische Ausgrabungen 1895–1995 (Wien 1995) 150–152.
  • P. Scherrer, Das sogenannte Serapeion in Ephesos: ein Museion?, in: A. Hoffmann (Hrsg.), Ägyptische Kulte und ihre Heiligtümer im Osten des Römischen Reiches, BYZAS 1 (Istanbul 2005) 109–138.
  • J. C. Walters, Egyptian Religions in Ephesos, in: H. Koester (Hrsg.), Ephesos. Metropolis of Asia, Harvard Theological Studies 41 ²(Harvard 2004) 281–309.
  • K. Koller, Zur Marmorwandvertäfelung aus der Nordostecke der Temenoshallen des ›Serapeion‹ in Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 137–145.

 

Kontakt

Prof. Dr. Thekla Schulz-Brize

Hochschule Regensburg

Fakultät Architektur

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