Projekte: Geografische Übersicht

Antikes Wohnen in Syene und Elephantine

Die Insel Elephantine und die gegenüber am östlichen Nilufer liegende Stadt Syene, das moderne Aswan, verbindet eine lange, wenn auch wechselvolle gemeinsame Geschichte. Die Prosperität beider Siedlungen erklärt sich aus ihrer geostrategischen Lage, speziell der exzellenten Kontrollmöglichkeit über die erste Kataraktregion.

  

Syene und Elephantine verfügten über funktionstüchtige Nilhäfen, über welche die Handelsaktivitäten mit dem Inneren Afrikas abgewickelt werden konnten, zudem waren sie Basis für Expeditionen nach Nubien und hatten als militärische Posten die Grenze nach Süden hin zu sichern. Von überregionaler handelspolitischer Bedeutung war allerdings nicht nur der Handel mit Nubien, sondern auch der Abbau von Rosengranit, der in lokalen Steinbrüchen gewonnen und über die Verladehäfen von Syene und Elephantine nach Norden transportiert wurde. Letztendlich trugen die dabei anfallenden Zolleinnahmen maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der beiden Siedlungen bei. Die Region entwickelte sich zu einem bedeutenden Produktionszentrum von Feinkeramik, die in Ägypten weite Verbreitung fand, und von landwirtschaftlichen Produkten, vor allem Wein, der insbesondere nach Nubien exportiert wurde.

  

In Syene ist seit spätptolemäischer Zeit ein Ausbau der Stadt zu verzeichnen, der sich in der römischen Kaiserzeit weiter fortsetzte. Durch die Verlegung der Reichsgrenze nach Süden verlor Syene zwar vorübergehend seine Bedeutung als Grenzposten, blieb aber ein florierendes Handelszentrum und Sitz der Regionalverwaltung. Zudem wurde die Truppenversorgung von Syene aus organisiert und gewährleistet.

  

Die Bedeutung von Syene, das nun auch Bischofssitz war, blieb auch während der Spätantike ungebrochen. Es kann eine Siedlungs- und Kulturkontinuität bis in die frühislamische Epoche konstatiert werden, als die Stadt weiter anwuchs. Die Blütezeit und damit verbunden die größte Ausdehnung der Stadt Syene fand zweifellos unter der Herrschaft der Ayyubiden statt.

  

  

Elephantine

Seit 1969 wird Elephantine vom Deutschen Archäologischen Institut/Abteilung Kairo in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für ägyptische Bauforschung und Altertumskunde wissenschaftlich untersucht.

 

Wohngebäude aus der römischen Kaiserzeit liegen aus dem Areal südlich des Chnumtempels vor, wo für den Kultbetrieb tätige Angestellte angesiedelt waren. Eine deutlich bessere Forschungs- und Publikationslage liegt für die Spätantike vor, als nach der Aufgabe des Tempels das Areal zu einem Wohnbaugebiet umgewidmet wurde. Im Tempelvorhof sowie westlich und nördlich des Kultbaus entstand im 5. Jh. n. Chr. eine Wohnbebauung, die eine Nutzungszeit bis zumindest in das 7. Jh., vereinzelt bis in das 9. Jh. n. Chr. aufweist. Die spätantike Wohnbebauung beim Chnumtempel wurde bautypologisch vorgelegt und aufgrund des vorläufigen keramischen Befundes und der Münzen chronologisch eingeordnet, eine kontextuelle Auswertung des archäologischen Befundes und darauf basierend Inventarrekonstruktionen und Funktionsanalysen stehen allerdings noch aus. Zwar konnte das spätantike Stadtgefüge aufgrund des fragmentarischen Befundes nicht rekonstruiert werden, jedoch vermitteln die z. T. sehr gut erhaltenen Wohngebäude einen guten Eindruck über den kaiserzeitlichen und spätantiken Wohnbau auf Elephantine.

   

  

Syene

Im Jahr 2000 begann das Schweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde unter der Leitung von C. von Pilgrim in Kooperation mit dem Supreme Council of Antiquities, Aswan, ein stadtarchäologisches Projekt mit dem Ziel, durch Notgrabungen in Aswan die diachrone Siedlungsgeschichte der Stadt zu rekonstruieren. Bis zum heutigen Tag wurden 70 Areale feldarchäologisch untersucht, wodurch nicht zuletzt das ptolemäisch-römische Stadtgebiet von etwa 11–12 ha definiert werden konnte. Im Zuge dieser Notgrabungen gelang auch die Freilegung mehrerer Wohnquartiere.

   

Das beim Isistempel gelegene Areal 1 beherbergt eine Wohnsiedlung mit einer Bauabfolge von ptolemäischer Zeit bis in das Mittelalter. Die z. T. bis zu 4 m hohen Häuser mit einer insgesamt 10 m hohen Baustratigrafie zeigen eine Nutzungszeit vom 1. bis zum 11. Jh. n. Chr.

  

Entscheidende neue Erkenntnisse zu den Wohnquartieren der Stadt Syene in ptolemäischer und römischer Zeit erbrachten Grabungen in dem etwa 1.000 m² großen Areal 13. In mehrjährigen Grabungen wurden Wohnhäuser und Läden freigelegt, deren chronologischer Rahmen von der spätptolemäischen Zeit bis in die Spätantike reicht. Der Befund lässt deutlich erkennen, dass es sich insbesondere während der spätptolemäischen Periode um qualitätsvolle Wohngebäude mit reichem Hausinventar der städtischen Oberschicht handelt. In der frühen Kaiserzeit wurden die Wohnhäuser weiter genutzt, bevor sie zu einer Ladenreihe umfunktioniert wurden, die sich zu einer Straße hin öffnete. Mit der Schließung und Abmauerung der Verkaufsräume – wohl während des 4. Jhs. n. Chr. ging ein repräsentativer Ausbau der Straße einher, wobei mehrere Apsiden wohl zur Aufstellung von Statuen dienten. Das bislang gesichtete Fundmaterial aus Areal 13 zeigt nicht nur eine Fülle an mediterranen Importen, sondern auch einen deutlich römischen Charakter, der an spezifischem keramischen Waren, aber auch am Kleinfundspektrum (Fibeln, Militaria) ablesbar ist.

 

 

Projektziele

Das auf drei Jahre konzipierte Projekt hat folgende Ziele:

  • Befundauswertung der Wohnquartiere in Syene (Areale 1/2 und 13) und Elephantine (Chnumtempel)
  • Erarbeiten regionaler Spezifika sowie chronologischer Entwicklungen
  • Kontextuelle Aufarbeitung des keramischen Fundmaterials aus den einzelnen Wohngebäuden
  • Typochronologische und scherbentypologische Gliederung des Fundmaterials, speziell der Keramikfunde (inkl. Lampen), auf Basis des archäologischen Befundes und der relativen stratigrafischen Abfolge
  • Rekonstruktion von Hausinventaren und darauf basierende Funktionsanalysen
  • Bautypologische Einordnung aller Wohnquartiere in Syene im Vergleich mit den bereits publizierten auf Elephantine
  • Vergleich von papyrologischen Quellen (Patermuthis-Archiv) und archäologischem Befund
  • Abschließende Analyse und Charakterisierung der Wohnbauten in Syene und Elephantine

  

Für das Projekt liegen aus Syene/Elephantine mehrere Wohnbaukomplexe unterschiedlicher Zeitstellung, aber auch in unterschiedlichem Erhaltungszustand vor. Die Befundsituation erlaubt beispielsweise Funktionsanalysen durchzuführen, da sich Werkstattareale sowie hauswirtschaftliche Bereiche nachweisen ließen. Die bereits publizierten spätantiken Häuser auf Elephantine sind meist bis zum ersten Obergeschoss erhalten und gleichen bautypologisch jenen in Areal 1 und 2 von Syene. In allen Fällen ist allerdings auf zahlreiche in situ-Befunde hinzuweisen, die in den Zerstörungsschichten der Häuser gefunden wurden und entscheidende Informationen über die Letztausstattung der Wohnbauten liefern. Neben bautypologischen Aspekten ist aber auch die städtebauliche Einbindung der Wohnbauten in Syene und auf Elephantine von großem Interesse.

   

Ergänzend zum archäologischen Befund liegt für Syene/Elephantine auch bereits ausgewertetes reiches papyrologisches Material, vor allem das Archiv des Patermuthis, vor, das einen Einblick in die sozialen Verhältnisse in der Spätantike gibt.

   

Die in situ-Befunde in den Häusern erlauben nun erstmals für Syene/Elephantine eine kontextuelle Vorlage unterschiedlicher Keramikgattungen und in einem weiteren Schritt unter Einbeziehung aller übrigen Fundkategorien eine möglichst vollständige Rekonstruktion des Hausrats. Eine diachrone Betrachtung des keramischen Fundmaterials aus den Häusern liefert wichtige Hinweise auf veränderte Kochgewohnheiten, aber auch auf die Rezeption neuer Trink- und Speisesitten. Gerade deren Übernahme und Verwendung in privatem Ambiente darf als Akkulturationsphänomen gewertet werden, auch wenn es sich um einen vielschichtigen und keinesfalls monokausalen Prozess handelt. Erst die Zusammenschau aller Fundkategorien ermöglicht konzise Interpretationen.

   

Der Auswertung sind natürlich Grenzen gesetzt, die sich wiederum aus dem archäologischen Befund ergeben. Daher stehen bei einer Analyse der Wohnbauten Fragen der Ausstattung, der Hausorganisation, nach Raumaufteilung und -funktion und nach der Nutzung im Vordergrund. Darüber hinaus werden spezifische Installationen, aber auch die städtebauliche Einbindung der Wohnquartiere zur Diskussion stehen. Ein weiterer Aspekt ist die zeitliche Differenzierung und die Frage nach veränderten Wohnkonzepten im Laufe der hier zu behandelnden Zeitspanne.

  

 

Finanzierung

FWF

 

 

Kooperationen

Schweizerisches Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde in Kairo

Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz

 

 

Literatur

  • F. Arnold, Elephantine 30. Die Nachnutzung des Chnumtempelbezirks. Wohnbebauung der Spätantike und des Frühmittelalters, AV 116 (Mainz 2003).
  • D. A. Aston, Elephantine 19. Pottery from the late New Kingdom to the early Ptolemaic period (Mainz 1999).
  • D. A. Aston, Amphorae, Storage Jars and Kegs from Elephantine, CahCerEg 8, 2007, 419–445.
  • R. D. Gempeler, Elephantine 10. Die Keramik römischer bis früharabischer Zeit, AV 43 (Mainz 1992)
  • S. Ladstätter, Keramische Fundkomplexe aus Areal 15 der Stadtgrabung von Syene/Aswan, in: S. Ladstätter – V. Scheibelreiter (Hrsg.), Städtisches Wohnen im östlichen Mittelmeerraum. 4. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr., AForsch 18 = DenkschrWien 397 (Wien 2010) 449–473.
  • S. Martin-Kilcher, Un projet d’étude des céramiques issues des horizons ptolémaïques à fatimides explorés à Syène /Assouan, CahCerEg 8, 2007, 447–448.
  • W. Müller, Domestic structures in Graeco-Roman Syene (modern Aswan) in: S. Ladstätter – V. Scheibelreiter (Hrsg.), Städtisches Wohnen im östlichen Mittelmeerraum. 4. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr., AForsch 18 = DenkschrWien 397 (Wien 2010) 429–448.
  • W. Müller, Urbanism in Graeco-Roman Egypt, in: M. Bietak – E. Czerny (Hrsg.), Cities and Urbanism in Ancient Egypt (Wien 2010) 217–256.
  • C. v. Pilgrim – K.-Ch. Bruhn – A. Kelany, The Town of Syene. Preliminary Report of the 1st and 2nd Season in Aswan, MDAIK 60, 2004, 119–148.
  • C. v. Pilgrim – K.-Ch. Bruhn – J. H. F. Dijkstra – J. Wininger, The Town of Syene, MDAIK 62, 2006, 215–277.
  • C. v. Pilgrim – D. Keller – S. Martin-Kilcher – F. Mahmoud el-Amin – W. Müller, The Town of Syene. Report on the 5th and 6th season in Aswan, MDAIK 64, 2008, 307–358.
  • J. Wininger, Ein geschlossenes Fundensemble eines spätrömischen Hauses in Assuan. Ein Beitrag zur Chronologie und Entwicklung der Keramik in Oberägypten im 6./7. Jahrhundert n. Chr. (ungedr. Mag. Universität Bern 2006).
  • T. Koch – W. Müller, Antike Wohnkultur in Syene (Assuan) am Beispiel der Areale 1 und 2, Archäologie Österreichs 25/1, 2014, 39-44.

 

 

Kontakt

Sabine Ladstätter