Projekte: Geografische Übersicht

Straßenstationen als Infrastrukturmaßnahmen an der Bernsteinstraße

Antike Infrastrukturmaßnahmen entlang der Bernsteinstraße stehen im Mittelpunkt von Kooperationsprojekten mit Ungarn und der Slowakischen Republik. In den Jahren 2009–2012 wurden unter diesem Gesichtspunkt verkehrstechnische Versorgungseinrichtungen an einem rund 20 km langen Abschnitt der Bernsteinstraße im Nordwesten der römischen Provinz Pannonien untersucht. Thematisch schließen diese Forschungen unmittelbar an die intensiven Bemühungen einer historisch-archäologischen Bewertung des antiken Militär- und Siedlungsplatzes von Strebersdorf-Frankenau (Burgenland) an. Die Erschließung der Bernsteinstraße im Stadtgebiet der Colonia Savaria-Szombathely durch ein System baulicher Installationen des cursus publicus konnte durch die Lokalisierung der Straßenstationen von Nemescsó und die Neubewertung der Straßenstation von Sorokpolány erstmals stringent dargestellt werden.

 

Mittels geophysikalischer Prospektionen sowie Surveys mit Oberflächenfundaufsammlungen in Nemescsó und Sorokpolány (Ungarn), kleinflächigen Grabungen in Nemescsó und der Bewertung von Altgrabungsfunden aus Sorokpolány konnten die Infrastruktur der Straßenstationen selbst, aber auch deren Einbindung in das Wegenetz jeweils auf einer Fläche von ca. 4 ha untersucht werden. Die Stationen von Nemescsó und Sorokpolány sind wahrscheinlich als stabula anzusprechen. Es handelt sich bei den untersuchten Stationsgebäuden um bautypologisch übereinstimmende kleinflächige Gebäude (470 und 520 m²) mit markanter Eckrisalitfassade und Wirtschaftshof, die dem Benutzer reduzierte Serviceleistungen boten, als Quartier für Soldaten, Wirtshaus mit Ausspann und Stapelplatz.

 

Siedlungsaktivitäten geringeren Ausmaßes sind an beiden Stationsstandorten bereits ab dem ersten Drittel des 2. Jhs. n. Chr. belegt. Eine starke Intensivierung der Nutzung beider Siedlungsplätze ist ab dem letzten Drittel des 2. Jhs. n. Chr. zu erfassen. Es ist davon auszugehen, dass der Betrieb dieser beiden Stationen mit einem forcierten Straßenausbau in der Provinz Pannonia Superior während der Frühphase der Regierung der Severer eine besondere Bedeutung gewonnen haben dürfte. Die Infrastrukturmaßnahmen erfolgten in der Periode nach den Markomannenkriegen und in einer politischen Umbruchsituation mit veränderten machtpolitischen Verhältnissen unter der severischen Dynastie, in denen der Bernsteinstraße erneut eine besondere Bedeutung als via militaris zugemessen wurde. Die Straßenstationen von Nemescsó und Sorokpolány dürften als Infrastruktureinrichtungen nur für relativ kurze Zeit von Bedeutung gewesen sein und wurden höchstens bis in das zweite Drittel des 3. Jhs. n. Chr. instand gehalten. 

 

In den Jahren 2013–2014 wurden in einer Vergleichsstudie Fragen zum Ausbau der Infrastruktur im Gebiet nördlich der Donau untersucht. Das Hauptaugenmerk wurde in der Germania Magna auf die Station von Mást (Gemeinde Stupava, Slowakei) im Rahmen einer Forschungskooperation mit dem Institut für Archäologie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (Nitra) (K. Elschek) gelenkt. Auch hier wurde eine Kombination aus systematischen Oberflächenfundaufsammlungen, geophysikalischer Prospektionen und kleinflächigen Grabungen angewandt. Die Entdeckung eines Holz-Fachwerkgebäudes in Mást mit verputzten Wänden und einer Dachkonstruktion in römischer Technik war dahingehend von Bedeutung, als die Nutzung dieses Gebäudes zeitgleich mit den großen Infrastrukturprojekten spätantoninischer bis severischer Zeit südlich der Donau, innerhalb der Provinz Pannonien, erfolgte. Die Auswertung der Fundvergesellschaftungen und der baulichen Befunde von Mást verdeutlicht die starke Interaktion mit dem römischen Reichsgebiet.

 

 

Literatur

  • S. Groh – H. Sedlmayer – Cs. V. Zalka, Die Straßenstationen von Nemescsó und Sorokpolány an der Bernsteinstraße (Pannonien, Ungarn), ZEA 3 (Wien 2013).

 

Kontakt

Stefan Groh

Helga Sedlmayer