Projekte: Geografische Übersicht

Römische Militärlager in der Germania Magna

Seit 2010 erfolgen Forschungen zu den germanischen Siedlungsstrukturen und den römischen Militärlagern in der Germania Magna (Niederösterreich) in Kooperation mit den Landessammlungen Niederösterreich (E. Lauermann), dem Institut für Archäologie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Brno (B. Komoróczy) und dem Institut für Archäologie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (Nitra) (K. Elschek). Die temporären römischen Lager von Engelhartstetten, Kollnbrunn und Ruhhof im nordöstlichen Niederösterreich werden mit geophysikalische Messungen, Luftbild- und LiDAR-Datenauswertungen, Metalldetektorsurveys, Fundbearbeitungen und kleinflächigen Grabungen mit naturwissenschaftlichen Analysen untersucht.

 

Gebiete des nördlichen Niederösterreichs, Mährens und der Westslowakei sind von augusteischer Zeit bis zu den Markomannenkriegen bedeutende römische Aufmarschzonen. Militärstrategische Interaktionen zwischen den germanischen Stämmen und den römischen Truppen schlagen sich im archäologischen Befund vor allem durch temporäre Militärlager nieder. Bislang wurden diese römischen Anlagen fast ausschließlich in die Zeit der Markomannenkriege datiert, obgleich signifikantes Fundmaterial für einen absolutchronologischen Ansatz zumeist fehlte. Historisch ist mit Feldzügen in augusteischer Zeit, unter Domitian und im letzten Drittel des 2. Jhs. n. Chr. zur Zeit der Markomannnenkriege zu rechnen.

 

Von hoher Bedeutung für die Interpretation römischer Militärstrategien ist die im Zuge des Projekts erfolgte Neuentdeckung und Datierung eines temporären Lagers in Ruhhof, zumal dieses Lager im Thayatal weit abseits der römischen Hauptaufmarschroute im Marchtal lokalisiert werden konnte.

 

 

Engelhartstetten

Bereits seit 1986 war das temporäre Lager im Gemeindegebiet von Engelhartstetten (Niederösterreich) durch Luftaufnahmen bekannt, jenseits der Donau, in ca. 9 km Luftlinie nördlich von Carnuntum und westlich des römischen Fundplatzes am Devín (Slowakische Republik). Die Position auf einer halbinselartigen Erhebung nördlich des Russbaches in der Schlinge eines Altarms ist anhand der Interpretation aktueller LiDAR-Daten zu rekonstruieren. Das 677 × 694 m (46,6 ha) große Lager bot Platz für etwa zwei Legionen. Anhand geophysikalischer Prospektionen und archäologischer Grabungen konnten in den Jahren 2010–2013 der Verlauf des Befestigungsgrabens sowie Eingangsbereiche verifiziert werden. Die Hinterlassenschaften einer Spät-La-Tène-zeitlichen Ansiedlung des 1. Jhs. v. Chr. sind im Umfeld zu erfassen.

 

 

Kollnbrunn

Die von 2012–2014 in Kollnbrunn (Niederösterreich) durchgeführten geophysikalischen Prospektionen und Surveys erbrachten für das seit 1984 durch Luftbildprospektion und eine kleinflächige Grabung bekannte temporäre Militärlager einen deutlichen Erkenntnisgewinn. Die Messdaten erlauben Ergänzungen und Korrekturen des Lagergrundrisses von 380–398 × 615 m (23,3 ha) und geben neue Einblicke in die Ausgestaltung der Toranlagen. Die Größe von 23,3 ha spricht für die Aufnahme einer Legion; es ist somit genau halb so groß wie das temporäre Lager in Engelhartstetten.

 

 

Ruhhof

In Ruhhof (Niederösterreich) gelang es, durch die Analyse von Luftbildern ein römisches Militärlager neu zu entdecken und anhand geophysikalischer Messungen im Jahr 2013 im Umfeld einer germanischen Siedlung am rechten Ufer der Thaya zu verifizieren. Das 508–511 × 723 m (36,5  ha) große Lager besitzt sechs Toröffnungen und dürfte Platz für zwei Legionen geboten haben. Mit diesem Befund ist erstmals eine militärische Erschließung der Region nach Westen entlang der Thaya sicher belegt, ausgehend von der rund 22 km Luftlinie entfernten Militärbasis am Burgstall bei Mušov (Tschechische Republik).

 

 

Kontakt

Stefan Groh

Helga Sedlmayer