Projekte: Geografische Übersicht

Forschungsgeschichte von Aquileia

Aquileia, 181 v. Chr. als Colonia latinischen Rechts gegründet, spielt eine Schlüsselrolle in der wirtschaftlichen und politischen Erschließung der Nordprovinzen. Die Handelsmetropole war Ausgangs- wie auch Endpunkt der Bernsteinstraße und der bedeutendste Flusshafen und Warenumschlagplatz der Regio X. Aquileia besaß jedoch auch die Funktion einer strategischen Basis für Feldzüge in Illyrien, Pannonien und Dalmatien unter Octavianus und Tiberius sowie im Zuge der Markomannenkriege unter Marcus Aurelius.

 

Die über 300 ha große archäologische Zone der in der Region Friaul-Julisch Venetien gelegenen oberitalischen Metropole von Aquileia wird in Österreich traditionell mit seinen Sakralbauten und dem nahe gelegenen Urlaubsort Grado in Beziehung gebracht. Österreich verbindet mit der Region eine lange gemeinsame Geschichte. Unter Maria Theresia erfolgten umfangreiche Bonifikationen der sumpfigen Landschaft um Aquileia, ab 1798 wurden archäologische Forschungen vom k. k. Münz- und Antiken-Cabinet, ab 1873 von der k. k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale und ab 1898 vom ÖAI durchgeführt. Die Untersuchung, Konservierung und Präsentation des 750 m² großen Mosaikbodens im Dom zu Aquileia kann als eine wissenschaftliche Pionierleistung der Habsburgermonarchie bezeichnet werden.

 

Im Jahr 2011 begannen neue Forschungen der ZEA in Aquileia. In Kooperation mit dem Ministero per i Beni e le Attività Culturali (Soprintendenza per i Beni Archeologici del Friuli Venezia Giulia) und mit Förderung des FWF (Projekt P 25176-G19 »Urbanistic Studies in Aquileia [Italy])«; Projektlaufzeit: 2013–2016) werden Aspekte zur Urbanistik sowie zur Kultur- und Wirtschaftsgeschichte von Aquileia untersucht. Die Forschungen umfassen überwiegend ›non-invasive‹ Methoden der Archäologie wie Surveys, geophysikalische Messungen mit Radar, Elektrik und Magnetik sowie archäologische Rammkernsondierungen. Die inhaltlichen Fragestellungen konzentrieren sich auf Untersuchungen zur Ausgestaltung und chronologischen Entwicklung dreier Bereiche, und zwar der Hafenanlagen, der Stadtmauer und der Monumente des Ludus (Theater, Amphitheater, Stadion).

 

In diesem Kontext wird die diachrone urbanistische Entwicklung des gesamten westlichen Stadtgebiets und Suburbiums zwischen der spätantiken Stadtmauer und der Einmündung des ›Canale Anfora‹ in den Fluss Terzo untersucht. Die dynamischen Entwicklungsprozesse einer Stadt lassen sich am besten in ihren Randbereichen erfassen. In Aquileia ist eine Erweiterung des Stadtgebiets vom Zentrum nach Westen durch die räumliche und zeitliche Abfolge der republikanischen und kaiserzeitlich/spätantiken Befestigungsanlagen gegeben. Siedlungsstrukturen innerhalb und außerhalb dieser Fortifikationen illustrieren den diachronen Funktionswandel urbanen und suburbanen Raumes.

 

Die ersten Ergebnisse des FWF-Forschungsprojekts erlauben es, ein neues Bild der suburbanen Bebauung im Nordwesten der Stadt zu entwerfen. Die prospektierten Fluss- und Kanalabschnitte sowie die sie flankierenden Uferbefestigungen und Hafenanlagen werfen ein völlig neues Licht auf die Stadtentwicklung und auch die wirtschaftliche Bedeutung des Handelsemporiums. Ging man bislang alleinig von einem im Osten der Stadt gelegenen Hafen aus (›Osthafen‹), so kann nun auf mindestens einen zweiten Flusshafen (›Westhafen‹) und ein dichtes Netz von Molen und Hallenbauten entlang aller Kanäle und Flüsse geschlossen werden. Die großen Fundmengen der Surveys und deren chronologische und typologische Aufgliederung unterstreichen die Funktion von Aquileia als römisches Handelszentrum in einem bereits im römischen Imperium ›globalisierten‹ Wirtschaftsraum des Mittelmeeres und der nördlichen Provinzen.

 

 

Literatur

  • S. Groh, Research on the Urban and Suburban Topography of Aquileia, in: NTA-2012. Proceedings of the 2nd Workshop on The New Technologies for Aquileia, Aquileia, Italy, June 25, 2012, Internetpublikation <http://ceur-ws.org/Vol-948/> (14. 12. 2012) D 1–11.
  • S. Groh, Ricerche sull’urbanistica e le fortificazioni tardoantiche e bizantine di Aquileia. Relazione sulle prospezioni geofisiche condotte nel 2011, AquilNost 82, 2011 (2013) 153–204.
  • S. Groh, Forschungen zur Urbanistik und spätantik-byzantinischen Fortifikation von Aquileia (Italien). Bericht über die geophysikalischen Prospektionen 2011, ÖJh 81, 2012 (2013) 67–96.
  • S. Groh – F. Schimmer, Neue österreichische Forschungen in Aquileia (Italien), AÖ 24/2, 2013, 59–63.