Projekte: Geografische Übersicht

Die Bernsteinstraße als zentraleuropäische Hauptverkehrstransversale

Die Bernsteinstraße ist seit prähistorischer Zeit eine der wichtigsten zentraleuropäischen Verkehrsachsen, die den Mittelmeerraum über die Ausläufer der Ostalpen und das Alpenvorland mit Nordeuropa und der Ostsee verbindet. Fragen der Migration, Handelsbeziehungen, militärischen Strategien und kulturellen Interaktionen während der römischen Kaiserzeit werden fokussiert auf den durch diese Nord-Süd-Transversale erschlossenen Raum untersucht.

 

Forschungen in Slowenien, den Bundesländern Burgenland und Niederösterreich sowie in der Slowakei beziehen sich vorrangig auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen den römischen Provinzen Noricum und Pannonien einerseits und der Germania Magna andererseits. Archäologische Evidenzen, die unmittelbar aus der Machterweiterung und territorialen Kontrolle des römischen Imperiums resultieren, werden innerhalb dieses von der Adria bis in das Gebiet nördlich der Donau reichenden Forschungsraumes inhaltlich gebündelt, mit dem Schwerpunkt auf Manifestationen der Eroberungspolitik der frühen Prinzipatszeit des 1. Jhs. v./n. Chr. sowie der Strukturreformen spätantoninischer bis severischer Zeit (170–235 n. Chr.) und deren Folgen. Strategien des Römischen Reiches in seiner offensiven Rolle als Großmacht bei der Erschließung neuer Rohstoffquellen werden hierbei ebenso ausgelotet wie defensive Reaktionen in Krisenzeiten.

 

Manifestationen römischer Eroberungspolitik des frühen Prinzipats stehen anhand der Militärlager in Strebersdorf/Frankenau (Burgenland) wie auch des temporären Lagers von Engelhartstetten (Niederösterreich) im Fokus der Forschungen. Sowohl in der römischen Provinz Pannonien als auch in der nördlich angrenzenden Germania Magna stellt die Eisenverhüttung entlang der Bernsteinstraße einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor dar. Während der römischen Herrschaft ist diese Rohstoffgewinnung unter militärischer Kontrolle am Fundplatz Strebersdorf/Frankenau nachzuweisen.

 

Veränderte machtpolitische Faktoren in der Germania Magna drängten im Verlauf des 2. Jhs. n. Chr. das Imperium Romanum zu Beginn der Markomannenkriege in eine defensive Rolle. Als Reaktion auf den kurzfristigen Machtverlust an der mittleren Donau wurden neue militärische Aufgebote eingesetzt, was in Noricum eine nachhaltige Wirkung auf die gesamte Organisationsstruktur haben sollte. Mit der Aushebung der Legio II Italica und deren Stationierung unmittelbar an der Bernsteinstraße im Grenzgebiet zu Italien (Fundort Ločica, Slowenien) im Jahre 170 n. Chr. wandelte sich in weiterer Folge der Status der Provinz Noricum tiefgreifend und nachhaltig. Nach der Aufgabe des Militärlagers von Ločica erfolgten der Abzug der Legio II Italica von der Bernsteinstraße und eine erstmalige dauerhafte Stationierung einer Legion am norischen Limes.

 

Als eine weitere Reaktion auf die germanischen Einfälle des Jahres 169 n. Chr. sind im Zuge der Markomannenkriege neuerliche expansive Bestrebungen seitens der Römer in der Germania Magna zu erfassen. Temporäre Militärlager zeugen von dieser Offensive, deren Erforschung einen Schwerpunkt im Einzugsgebiet der Bernsteinstraße nördlich der Donau bildet.

 

Als Gegenreaktion auf die offenkundigen Schwächen der Infrastruktur wird in der Phase nach den Markomannenkriegen und mit dem Beginn der durch die Truppen in Pannonien gestützten Dynastie der Severer ein massiver Investitionsschub auch im Straßenbau fassbar. Fallbeispiele solcher Infrastrukturmaßnahmen der mittleren Kaiserzeit bilden ein Hauptinteresse an der Bernsteinstraße.

 

In Hinblick auf die merkantile Bedeutung der Bernsteinstraße ist der Fokus unmittelbar auf die Entwicklung der Handelsmetropole Aquileia gerichtet. In Zusammenhang mit den Forschungen in Aquileia und an der Bernsteinstraße ist auch ein Einzelprojekt in der Meeresvilla von San Simone/Izola an der Nordwestküste von Istrien zu sehen, die über ihren bedeutenden Hafen direkt mit Aquileia in Kontakt stand.

 

 

Literatur

  • S. Groh, Neue Forschungen an der Bernsteinstraße in Nordwestpannonien – Die römischen Militärlager und der Vicus von Strebersdorf und Frankenau/Frakanava (Mittelburgenland, Österreich), in: Sz. Biró (Hrsg.), Ex officina … Studia in honorem Dénes Gabler (Győr 2009) 175–188.
  • S. Groh – H. Sedlmayer – Cs. V. Zalka, Die Straßenstationen von Nemescsó und Sorokpolány an der Bernsteinstraße (Pannonien, Ungarn), ZEA 3 (Wien 2013).
  • S. Groh – F. Schimmer, Neue österreichische Forschungen in Aquileia (Italien), AÖ 24/2, 2013, 59–63.