Archäozoologische Forschungen in Ephesos

Projektziele

Die umfangreiche prähistorisch und historisch fassbare Besiedlungsgeschichte im Raum Ephesos bietet eine außergewöhnliche Möglichkeit, die Nutzung natürlicher Ressourcen und Strategien der Tierzucht über einen langen chronologischen Zeitraum vergleichend zu studieren. Da die Ernährung der Bewohner immer mit ökologischen Vorgaben der Umwelt in Zusammenhang steht, beinhaltet der Raum um Ephesos das Potenzial, die ökologischen Bedingungen anhand biologischer Marker von der ausgehenden Jungsteinzeit an zu erforschen.

 

Die Versorgung der Bewohner der Metropolis Asiae Ephesos mit tierischem Protein ist von besonderem Interesse. Die Ernährung der Einwohner einer Großstadt bedarf natürlich eines wohl organisierten Versorgungssystems und entsprechender Infrastruktur. Die noch zu beantwortende Frage ist, in welchem Ausmaß und wo in der Umgebung der Stadt Ephesos die Haltung und Zucht der wichtigsten Haustiere vonstattenging. Die geografisch zentrale Lage von Ephesos an der Westküste der Ägäis erlaubt in weiterer Folge auch Aussagen zu regionalen und überregionalen Trends in der Tierzucht im Vergleich mit weiter südlich und nördlich gelegenen antiken Küstenstädten sowie ägäischen Fundstellen im griechischen Raum.

 

Abfallvergesellschaftungen tierischer Nahrungsmittel sind oft durch verschiedene ablagerungszeitliche und spätere taphonomische Prozesse bedingt. Kontextbezogene Analysen, wie sie beispielsweise für die verschiedenen Wohneinheiten im Hanghaus 2 vorgenommen werden konnten, zeigen Unterschiede in der Ernährung an, die im Zusammenhang mit sozio-kulturellen Veränderung der Bewohner stehen können.

 

Methode

Die Archäozoologie vereint zoologische, anatomische und archäologische Wissensgebiete. Ephesos als eine dem Meer nahe Stadt birgt nicht nur reichlich Überreste der wichtigsten terrestrischen Haus- und Wildtiere, sondern erbringt zahlreiche Funde von in hohem Maß genutzten marin- und limnisch aquatischen Lebewesen. Der Bogen spannt sich dabei von Meeres- und Süßwasserfischen über Landschnecken bis hin zu artreichen Ensembles von Meeresweichtieren wie Tintenfischen, Muscheln und Schnecken.

 

Der Großteil der wissenschaftlichen Arbeit erfolgt durch morphologische Ansprache der vorgefundenen Überreste vor Ort, wobei neben einer Zuordnung zu einem spezifischen Organ (Knochen, Zahn, Muschelschale oder Schneckengehäuse) die Tierart so genau wie möglich identifiziert wird. Die Quantifikation basiert im Prinzip auf einer numerischen und einer gewichtsanteiligen Erfassung des biogenen Fundguts. Andere, ebenso wichtige die Nutztiere beschreibende Parameter sind das Schlacht- oder Sterbealter, die Form sowie Organ- und Körpergrößen. Diese qualitativen und metrischen Merkmale geben Aufschluss über Zucht- und Nutzungsstrategien sowie Größe und Form der Nutztiere.

 

Da das tierische Fundgut zumeist mehr oder weniger stark fragmentiert vorliegt, ist die osteologische Vergleichssammlung, die in jahrelanger Kooperation zwischen dem ÖAI und dem Institut für Anatomy der Veterinärmedizinischen Universität Wien aufgebaut wurde, ein unverzichtbarer Bestandteil in der analytischen Arbeit. Die Sammlung umfasst neben einer Vielzahl an Säugetier- und Vogelskeletten auch eine große Anzahl an Skeletten vor allem lokaler Fische.

 

Çukuriçi Höyük

Die Ausgrabungen am Çukuriçi Höyük erbrachten sehr frühe Nachweise für die Besiedlungsgeschichte um Ephesos. Das in den frühen Jahrtausenden viel näher an den Siedlungshügel heranreichende Meer wurde in starkem Maße für die Ernährung genutzt: Man sammelte zahlreiche Schnecken- und Muschelarten. Für die Frühbronzezeit lässt sich eine intensive Befischung nachweisen, wobei sowohl kleine wie große Fische gefangen wurden. Bemerkenswert ist dabei der Fund eines Stachels eines großwüchsigen Stachelrochens. Offenbar zeichnen sich vom Spätneolithikum hin zur Frühbronzezeit große ökologische Veränderungen ab. Während im Spätneolithikum-Frühchalkolithikum die Nutzung der typischen Haustiere im Vordergrund stand, werden die Fundvergesellschaftungen der Frühbronzezeit von Muschelresten dominiert, wobei sich auch die Zusammensetzung der Muschelfauna ändert. Im Spätneolithikum nehmen die Hartgrund bewohnende Arten wie der Spondylus oder die Arche Noah-Muschel einen beträchtlichen Anteil ein. In der Frühbronzezeit dominiert dagegen die im Sediment des Flachwassers grabende, essbare Herzmuschel die Befunde. Die Nutzung der wichtigsten Haustiere spiegelt ebenfalls eine Veränderung zur Frühbronzezeit hin wider: Sind im Spätneolithikum Rind, Schwein und kleine Hauswiederkäuer annähernd zu gleichen Teilen repräsentiert, liegt der Schwerpunkt in der Frühbronzezeit in der Zucht von Ziegen und Schafen. Auch das Wildtierspektrum scheint eine Veränderung in der Zusammensetzung anzuzeigen: Im Spätneolithikum finden sich noch größere Anteile von Wald anzeigenden Tieren wie Wildschwein oder Rothirsch. Die frühbronzezeitlichen Befunde sind dagegen durch eine Dominanz von Offenland bevorzugendem Damwild gekennzeichnet. All diese Veränderungen können als Folge ökologischer Veränderungen im Umland gedeutet werden. Offenbar kam es nach dem Spätneolithikum zu einer Entwaldung und erhöhten Aridität, wodurch ein erhöhter Sedimenteintrag die Küste um den Siedlungshügel veränderte und so neue Lebensräume für die essbare Herzmuschel geschaffen haben könnte.

 

Hanghaus 2, Wohneinheit 7

Die Analysen der tierischen Überreste aus der Wohneinheit 7 gewähren und erweitern den Einblick in die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner des Hanghauses 2 im Vergleich zu den bereits gewonnen Erkenntnissen aus den Wohneinheiten 1 und 2 und den in Fertigstellung befindlichen Ergebnissen aus den Wohneinheiten 3 und 5 und 6. Das Ernährungsspektrum in den diversen Wohneinheiten umfasst zahlreiche Molluskenarten sowie Süßwasser- und Meeresfische. Die Nutzungsintensität der wichtigsten Haustiere, Rind, Schwein und kleine Hauswiederkäuer, ändert sich offenbar vom späten Hellenismus bis in die Kaiserzeit, als Schweinefleisch merklich an Bedeutung für die Ernährung gewinnt. Der relativ hohe Anteil an Milchferkeln weist auf den Verzehr sehr zarten und kostspieligen Fleisches hin. Offenbar reflektieren die Befunde aus den Wohneinheiten die Neigung der Bewohner, einen ›italisch-römischen‹ Lebensstil zu verwirklichen.

 

Magnesisches Tor

Die Ablagerungen beim Magnesischen Tor erbrachten ebenfalls tierische Überreste, deren Zeitspanne sich von späthellenistisch bis frühbyzantinisch erstreckt. Derartige Ablagerungsbereiche stellen wichtige Referenzdaten für die speziellen Befunde im Hanghaus 2 dar, um generelle Tendenzen möglicher Veränderungen in der Ernährung gegenüber Veränderungen, die nur bestimmte soziale Gruppen betreffen, evaluieren zu können. Prinzipiell gleichen sich die Abfälle in ihrer Zusammensetzung von Weichtieren und den wichtigsten Haustieren. In den frühkaiserzeitlichen Befunden fällt eine stärkere Nutzung von Schweinefleisch auf. Der einzige Fischknochen aus kaiserzeitlichen Ablagerungen stammt von einem afrikanischen Raubwels (Clarias sp.). Reste dieses exotischen Fisches konnten auch in anderen Befunden aus Ephesos nachgewiesen werden. Die Knochen werden als Nachweise für aus dem levantinischen Raum eingehandelte und haltbar gemachte Fische angesehen.

 

Hafennekropole

Die Fundsituation bei der Hafennekropole erbrachte verschiedene Ablagerungsmilieus, wie Abfallschichten, Planierungen, Versturz- und natürliche Schwemmschichten. Den Großteil der Funde nehmen essbare Herzmuschel und Austern ein. Die wichtigsten Nutztiere, Rind, kleine Hauswiederkäuer und Schwein, sind ebenso vorhanden wie Hund, Pferd, Rothirsch und Wildschwein. Der Anteil an Schweineknochen verteilt sich unter den Haustieren auffallend gering. Zahlreiche Tierknochen sind großteilig erhalten und weisen Zerlegungs- wie auch Hundeverbissspuren auf. Sedimentproben aus einer Abfallschicht und einer Überschwemmungsschicht enthielten Unmengen an Seeigel-Resten. Auffälligerweise konnten in einer natürlichen Ablagerung und einer Schwemmschicht isolierte Seepockengehäuse nachgewiesen werden, die ursprünglich auf strukturiertem Untergrund angewachsen waren. Die Kombination aus großteilig erhaltenen Tierknochen, essbaren Herzmuscheln und Austern sowie das weitgehende Fehlen anderer Meeresmollusken weisen wohl auf anthropogenen Einfluss hin. Die Funde könnten aus Abfalldeponien nahe dem Grabbau durch Überschwemmungen in den Bereich des Kanals eingebracht worden sein.

 

Kanalverfüllung im Großen Theater

Die Kanalverfüllung im Großen Theater wurde als vielversprechender Fundbereich aufgearbeitet. Die Schichten enthielten die üblichen typischen Haustiere, wie Rind und Schaf/Ziege. Das Hausschwein erscheint mit nur einem Knochen allerdings stark unterrepräsentiert. Mollusken sind in diesem Befund durch wenige essbare Herzmuscheln, Purpurschnecken und Austern vertreten. An Vögel finden sich hauptsächlich Hühner neben einige Gänsen, Tauben und Steinhühnern. Einige Reste weisen außerdem Sperber oder Habicht nach. Die restlichen Haustiere sind durch relativ viele Hunde, weniger Pferd, einem Esel und einige Katzenknochen repräsentiert. Zu dieser ungewöhnlichen Kombination von Haustieren tritt eine ebenso ungewöhnliche Wildtierassoziation mit Hase, Stachelschwein, Fuchs, Goldschakal, Dachs und Wildschwein hinzu. Offenbar dürften mehrere Einbringungsvorgänge diese Faunenassoziation bewirkt haben. Ein Teil des tierischen Fundmaterials war sicher mit den kaiserzeitlichen bis spätantiken Funden assoziiert und spiegelt so häuslichen Abfall wider. Viele der Wildtiere fallen nicht in das übliche Nahrungsspektrum der Bewohner.

 

 

Kontakt

Alfred Galik und Gerhard Forstenpointner

Institut für Anatomie
Department für Pathobiologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
Veterinärplatz 1
A-1210 Wien