Hydrogeologisches Modell des Panayırdağ

Zur Rekonstruktion der Wasserversorgung einer befestigten archaischen Vorläufersiedlung von Ephesos

 

Ziel des Projekts ist eine geologische Untersuchung des Panayırdağ östlich des Ausgrabungsgebiets von Ephesos. Mauerreste belegen hier befestigte archaische und hellenistische Siedlungsgebiete die zurzeit Gegenstand archäologischer Untersuchungen sind. Für eine befestigte Siedlung ist eine Wasserversorgung innerhalb der Befestigung zu fordern. Allerdings zeigt sich der Panayırdağ heute als ein Hügel aus Kalkgestein ohne Anzeichen von Grundwasser. Damit stellt sich die Frage, woher das Wasser zu vergangenen Zeiten bezogen wurde.

 

Der stark verkarstete, metamorphe Kalkstein am Panayırdağ fällt flach gegen Südosten ein und wird durch ein Kluftsystem aus drei steilen Kluftscharen durchbrochen. Tiefe kluftparallele Schluchten durchschneiden in zwei Höhenniveaus den östlichen Teil des Panayırdağ. Der Panayırdağ ist im Süden durch Phyllite vom Karstsystem des Bülbüldağ, des zweiten Stadtberges von Ephesos, hydrologisch isoliert. Die geologischen Daten unterstützten ein hydrogeologisches Modell zur Rekonstruktion der Wasserversorgung einer befestigten archaischen Vorläufersiedlung von Ephesos. Das Modell beschreibt ein marines Karstsystem, das im Niveau des ehemaligen Meeresspiegels einen unausgiebigen Aquifer, einen Grundwasserleiter, ausbilden konnte. Von den Schluchten ausgehend, könnten Flachbrunnen diesen Aquifer erreicht haben.

 

Das archaische Siedlungsgebiet am Panayırdağ befindet sich auf einer strukturell vorgezeichneten Fläche. In diesem verkarsteten Kalkgebiet ist das Vorkommen frei fließender Quellen auszuschließen. Überreste von Brunnen oder Zisternen sind allerdings nicht bekannt. Als einzige Möglichkeit für eine nicht nur temporär zur Verfügung stehende Süßwasserquelle können nur Brunnen gedient haben. Demnach könnte ein Wasserkörper auf Höhe des ehemaligen Meeresniveaus vorhanden gewesen sein. Aufgrund der kartierten archaischen Befestigung ergeben sich die Schluchten südlich der Nordbastion als mögliche Standorte von Brunnenbauten, die hier in nicht allzu großer Tiefe dieses Höhenniveau erreicht haben können. Die höher gelegene Schlucht, an der sich der westliche Teil der Befestigung anlehnt, wird als höherer (älterer) Teil des Karstsystems interpretiert. Sie wurde deswegen nach unten entwässert und war dadurch höchstwahrscheinlich zu archaischer Zeit nicht wasserführend.

 

Als weiterer Standort kann eine tiefe Schlucht am südöstlichen Panayırdağ genannt werden, die sich im Nahbereich einer terrassierten Fläche befindet. Hier belegt das Vorkommen von reichlich Kulturschutt und Bearbeitungsspuren an den Felswänden eine menschliche Nutzung zu hellenistischer Zeit (mündliche Mitteilung M. Kerschner).

 

Projektdauer

2010

 

 

Finanzierung

ÖAI

 

 

Kontakt

Gerd Rantitsch und Walter Prochaska

Department für angewandte Geowissenschaften und Geophysik

 

 

 

Herkunftsanalyse ephesischer Marmore

 

Abbau und Einsatz von weißem Marmor für Architektur- und Skulpturzwecke sind seit den frühesten Verwendungen dieses exklusiven Materials in der Region um Ephesos und in der antiken Stadt selbst nachgewiesen. Maßgebend dafür waren die Vorkommen hochwertiger Marmore in der Umgebung und die Bedeutung der Stadt als Ausfuhrhafen für die bekanntesten und teuersten Marmorsorten aus dem kleinasiatischen Hinterland.

 

Da bei historischen und antiken Objekten die Quellenlage bezüglich der Herkunft der beim Bau verwendeten Materialien meist sehr dürftig ist und Weißmarmore mit freiem Auge nur schwer voneinander zu unterscheiden sind, versucht man schon seit über 100 Jahren, die Provenienz der verwendeten Marmore mittels naturwissenschaftlicher Analysemethoden festzustellen. Die ersten diesbezüglichen Arbeiten an griechischen und auch an römischen Marmorobjekten wurden mit einfachen mikroskopischen Methoden durchgeführt. Erst relativ spät erfolgte der Einsatz isotopengeochemischer Methoden, die sich in der Folge zu einem Standardverfahren bei der Provenienzanalyse weißer Marmore entwickelten, wie auch die Analyse der Haupt- und Spurenelemente einschließlich der ›Seltenen Erden‹ in den letzten Jahrzehnten ebenfalls zur Herkunftsanalyse weißer Marmore herangezogen wurde. Die meisten Autoren betonen allerdings, dass eine Methode alleine in den meisten Fällen keinen eindeutigen Nachweis der Herkunft erbringt, sondern mehrere Verfahren kombiniert werden müssen. Die auf diese Weise anfallenden, meist sehr großen Datenmengen bedingen immer eine statistische multivariate Auswertung.

 

Bei den ephesischen Marmoren wird ebenfalls eine Kombination verschiedener geochemischer Methoden zur Herkunftsanalyse herangezogen. Neben der Analyse der stabilen Isotope der Karbonate (C- und O-Isotopie) wird auch der Gehalt an Spurenelementen in den Marmoren analysiert. Erstmalig im Rahmen von Provenienzuntersuchungen wurde bei den ephesischen Marmoren zusätzlich die Analyse der Fluid-Einschlüsse zu ihrer Charakterisierung verwendet. Hier werden die sog. Flüssigkeitseinschlüsse, das sind mikroskopisch kleine, mit Gas und Flüssigkeit gefüllte Einschlüsse, die in allen Marmoren vorkommen, mechanisch extrahiert und mittels Ionenchromatografie auf ihre chemischen Bestandteile untersucht.

 

Die weißen Marmore, die in der Region um Ephesos gewonnen wurden, kann man entsprechend den bisherigen Ergebnissen den beiden Hauptgruppen Ephesos I und Ephesos II zuordnen, zu denen jeweils verschiedene Steinbrüche gehörten. Darüber hinaus gibt es Steinbrüche, die keiner dieser Hauptgruppen zuzuordnen sind. Ein spezieller Marmor mit auffallender Struktur (weiß mit schwarzen Sprenkel) wurde in einigen Steinbrüchen ca. 20 km nordöstlich von Ephesos abgebaut. Diese ›Greco Scritto‹ genannte Varietät des ephesischen Marmors wurde offensichtlich im gesamten Römischen Reich gehandelt und konnte u. a. in Rom, Sirmium und Selinus nachgewiesen werden. Da weiße Marmore naturgemäß wenige oder keine mit freiem Auge erkennbaren Merkmale aufweisen, die eine Zuordnung zu einem Herkunftsgebiet gestatten, ist man in diesem Fall auf eine aufwendige Analytik angewiesen. Demzufolge ist die Kenntnis über den überregionalen Handel mit ephesischem Marmor spärlich und beschränkt sich zurzeit auf Einzelstücke oder einige kunsthistorisch eingestufte Objekte (z. B. einige Girlandensarkophage). Die im Lauf der letzten Jahre erstellte Datenbank mit den oben erwähnten analytischen Parametern soll die Grundlage sein, um den Handel und die Verteilung von ephesischen Marmoren in der römischen Welt zu untersuchen.

 

Zahlreiche Steinbrüche aus der Region Ephesos wurden im Rahmen dieser Arbeit im Detail beprobt und untersucht, um eventuelle Entsprechungen für die in der ephesischen Architektur und Skulptur verwendeten Marmore zu finden. Mittlerweile umfasst die Datenbank etwa 450 Analysen ephesischer Marmore und etwa 700 Steinbruchproben von Gewinnungsgebieten aus den klassischen Lagerstätten der antiken Welt. Damit ist es nun möglich, Artefakte aus der Stadt zu untersuchen und festzustellen, in welchem Ausmaß in einer jeweiligen Epoche lokale Marmore verwendet wurden oder ob etwa Importmarmore Verwendung fanden. Weiters kann mit diesen Untersuchungen auch der Frage nach der Verwendung von originalem Baumaterial nachgegangen werden oder ob vielleicht Architekturteile oder Spolien von Vorgängerbauten verwendet wurden. Derzeit liegen beispielsweise von diesen Objekten Untersuchungen der Marmorprovenienz vor: Mausoleum von Belevi (Marmor Ephesos I und Herakleia am Latmos), Oktogon (Marmor Ephesos I und II sowie Steinbruch bei Tavşantepe), Tempel auf der Kuretenstraße, Serapeion, Hafenthermen.

 

Die vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass bis in die frühe Kaiserzeit für die Architektur im Wesentlichen lokale Marmore verwendet wurden. Später, etwa ab dem 1. Jahrhundert, scheinen zumindest für Prestigeprojekte Importmarmore eine gewisse Rolle zu spielen. Daten zur ephesischen Skulptur stehen zurzeit aber nur in Einzelfällen zu Verfügung.

 

 

Finanzierung

ÖAI

 

 

Kontakt

Walter Prochaska

Department für angewandte Geowissenschaften und Geophysik

Montanuniversität Leoben