Keramikforschung in Ephesos

Die Grabung Ephesos hat sich in den letzten Jahren zu einem Kompetenzzentrum für die Keramikforschung hellenistischer bis osmanischer Zeit entwickelt. Die Basis bilden wissenschaftliche Bearbeitungen von Fundkomplexen und deren kontextorientieren Vorlagen. Darauf aufbauend werden typochronologische Studien zur genauen Definition einzelner Gattungen und Waren erstellt, immer in Kombination mit naturwissenschaftlichen Methoden. Kulturhistorische Analysen, oft in Verbindung mit Fragestellungen zu Handel und Handwerk, runden das weite Spektrum der ephesischen Keramikforschung ab und betten sie sowohl in einen überregionalen als auch interdisziplinären Kontext ein.

 

Das Team setzt sich aus internationalen Expertinnen und Experten sowie aus Nachwuchsforschern zusammen, die im Rahmen akademischer Arbeiten einzelne Themenbereiche abdecken.

 

Kontextuelle Aufarbeitungen

Den Schwerpunkt der letzten Jahre bildete die Aufarbeitung des Hanghauses 2, die entscheidende neue Informationen zum Keramikmarkt des 1–3. Jhs. n. Chr. lieferte. Auf Basis der bereits erschienenen Studien ist es nun möglich, die Entwicklung zahlreicher Waren klar nachzuvollziehen und sowohl die lokale Produktion als auch Importströme zu charakterisieren. Besonders aussagekräftig ist das Material sog. Zerstörungshorizonte, die in den Zeitraum zwischen 270–280 n. Chr. datiert werden können. Sie zeigen uns beispielsweise eindrucksvoll, dass sich das Tafelgeschirr beinahe gänzlich aus Afrika sowie aus Çandarlı bei Pergamon importiert wurde, während die regionale Produktion – wohl aufgrund starker Erdbeben – bereits zusammengebrochen war.

 

In jüngster Zeit verlagerte sich der Bearbeitungszeitraum auf die Spätantike bzw. die byzantinische Epoche der Stadt. Besonderes Augenmerk verdienen Fundkomplexe aus dem sog. Byzantinischen Palast sowie dem byzantinischen Wohnquartier in den Hafenthermen, die einen Zeitraum vom 5. bis zum 11. Jh. n. Chr. abdecken. Die Einbettung der keramischen Evidenz in den stratigrafischen Kontext erlaubt nun erstmals eine Feinuntergliederung der Fundkeramik, wobei die Masse des Materials in das 7. Jh. n. Chr. datiert. Der hohe Anteil an Importwaren wie Sigillate, Amphoren und Kochgeschirr unterstreicht die Anbindung der byzantinischen Stadt Ephesos an bestehende Handelsrouten und ihre Bedeutung als Handelszentrum im östlichen Mittelmeerraum. Auf eine intensive landwirtschaftliche Produktion lassen die zahlreichen vor Ort gefertigten Amphoren unterschiedlichster Größe schließen. Sie transportierten wohl vor allem Wein, der nicht zuletzt auch in die Militärlager am Donaulimes geliefert wurde.

 

Aktuell ist auch die Bearbeitung der Keramik aus der Hafennekropole zu nennen. Hier ist zwischen den eigentlichen Grabfunden, dem Inventar der Grabhäuser sowie der Versorgungsgebäude und jenem Material zu unterscheiden, das sich in den Verfüllschichten über den Gräbern gefunden hat und somit weder zeitlich noch funktional mit diesen in Verbindung zu setzen ist. Römische Bestattungsbräuche manifestieren sich in der Beigabe von Koch- und Trinkgeschirr sowie von Öllämpchen, die ein Leben im Jenseits gewährleisten sollten. Den spätantiken, christlichen Bestattungen fehlt diese Sitte, jedoch sind zahlreiche Öllämpchen Belege für das Totengedenken. Davon grundsätzlich zu unterscheiden ist jenes sehr gut erhaltene Material, das wohl zu Planierungszwecken im 5. und 6. Jh. n. Chr. in die Gräber eingefüllt wurde. Der hier dokumentierte hohe Anteil an Importwaren – sowohl Sigillata aus Foça als auch Amphoren aus verschiedensten Regionen des spätantiken Imperiums – legen den Schluss nahe, dass es sich um zu Bruch gegangene Handelsware handelt, die hier entsorgt wurde.

 

Typochronologische Studien

Die kontextuellen Analysen vom 2. Jh. v. Chr. bis in die byzantinische Zeit erlauben nun auch typochronologische Studien zu einzelnen Waren oder Gattungen. Im Rahmen von Dissertationen der Universität Zürich und der Universität Salzburg werden die Graue Ware sowie die dünnwandige Keramik einer genauen Analyse unterzogen.

 

Ein Forschungsprojekt widmet sich der Eastern Sigillata B (ESB), die im großen Mäander-Tal produziert wurde. Ziel dieser Studie, die in Kooperation mit den Nachbargrabungen durchgeführt wird, ist eine exakte Definition der Ware inklusive ihres Produktionszeitraumes sowie des Distributionsradius.

 

Kulturhistorische Analysen

Im Rahmen einer Dissertation wird derzeit das Keramikspektrum von Pergamon und Ephesos in späthellenistischer Zeit verglichen. Ein Schwerpunkt der Arbeit, die sich unter anderem mit der sog. Applikenware, der Glanztonware und der weißgrundigen Keramik beschäftigt, ist die Frage, ob ursprünglich pergamenische Waren ab einem gewissen Zeitpunkt auch in Ephesos produziert wurden und letztendlich auch die pergamenischen Produkte vom Markt verdrängten. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die naturwissenschaftliche Komponente durch petrografische wie chemische Analysen, die wichtige Hinweise auf den Produktionsort liefern.

 

 

Bibliografie zur Keramikforschung in Ephesos

als pdf

 

 

Kooperation

Institut für Kulturgeschichte der Antike an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

 

 

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