Kult und Herrschaft

Odeion im Artemision

Domitianstempel

Villenbezirk am Panayırdağ

 

Ein Odeion im Heiligtum der Artemis

Im Temenos des Artemisions in Ephesos befindet sich ein römisches Gebäude, das trotz seiner prominenten Lage kaum Aufmerksamkeit erfahren hat. Während bislang stets der legendäre Tempel im Mittelpunkt der archäologischen Arbeiten im Artemision, blieb der einstmals dicht bebaute heilige Bezirk um den Tempel unerforscht. Die im Jahr 2009 aufgenommenen Arbeiten an dem Bauwerk, das bisher als ›Tribüne‹ bezeichnet wurde, haben zum Ziel, sich neben der Beschäftigung mit dem Einzelmonument auch mit der Einbindung der Anlage in den heiligen Bezirk des Artemisions auseinanderzusetzen sowie den bisherigen Forschungsschwerpunkt – die Frühzeit des Heiligtums – auf die römische Nutzungsphase auszudehnen.

 

Zu Projektbeginn standen gebäudespezifische Fragen zur Klärung von Funktion, Datierung und Nutzungsgeschichte im Vordergrund. Um eine Arbeitsgrundlage zu schaffen, wurde zunächst eine Bestandsaufnahme in Form eines verformungsgetreuen Aufmaßes durchgeführt. Gezielt angelegte Sondagen erschließen die Nutzungsgeschichte und ergeben in Kombination mit den Ergebnissen der Bauforschung eine ganzheitliche Baudokumentation. Während der laufenden Feldarbeiten werden Sicherungsarbeiten vorgenommen, die eine Erhaltung des Gebäudebestandes zum Ziel haben.

 

Das Gebäude, das in seiner Ausrichtung in etwa jener des Tempels entspricht, liegt ca. 180 m südwestlich des Tempels und kann mit Sicherheit als Bestandteil des heiligen Bezirks um den Tempel bezeichnet werden. Der heute sichtbare Teil des hoch verschütteten Gebäudes hat einen rechteckigen Grundriss und misst 39,60 × 21,64 m. An seiner Süd-, West- und Nordseite besitzt der Bau Substruktionen in Form tonnengewölbter Kammern, von denen sechs zugänglich sind. Zunächst einziger Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung des Bauwerks war die Technik des Mauerwerks, das aus einem opus caementitium-Kern besteht, der mit lagerechten Bruchsteinen verkleidet ist und auf eine Errichtung in römischer Zeit schließen lässt.

 

Ein wesentliches Ergebnis der laufenden Untersuchung stellt die Bergung von datierendem bauzeitlichem Keramikmaterial aus dem Fundamentbereich dar. Die vorläufige Datierung, die anhand des keramischen Fundspektrums ermittelt wurde, kann in der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. angesiedelt werden.

 

Nach Reinigung eines Teilbereichs auf der Oberseite im Jahr 2010 zeigte die Originalsubstanz den stark erodierten und teilweise überbauten Unterbau einer halbrunden Cavea, die in den rechteckigen Grundriss eingeschrieben ist. Im Jahr 2011 wurde die Fläche nach Osten erweitert und besser erhaltene Strukturen wurden freigelegt. Unterhalb des umlaufenden Ganges sind zunächst Abdrücke der Marmordeckplatten zu sehen, welche schließlich teilweise sogar in situ erhalten sind. Innerhalb des nördlichen Halbrundes der Cavea konnte ein der Krümmung entsprechend verzogener Austritt eines Stiegenaufganges lokalisiert werden, der die Besucher von außen durch eine der Kammern auf den umlaufenden Mittelgang, das Diazoma, führte.

 

Schließlich wurde auch eine Sondage im vermuteten Mittelpunkt der Cavea angelegt, in welcher ein Teil der 80 cm hohen Bühne sowie einer davor gelegenen Orchestra freigelegt werden konnte. Die Orchestra war mit opus sectile-Paviment ausgelegt, welches eine quadratische Felderrahmung mit eingeschriebenen Kreisen zeigt. Auch die Vorderseite der Bühne zeigt Reste einer Marmorverkleidung, von welcher die Sockelleisen in situ erhalten sind. Das zugehörige Bühnengebäude ist östlich der Bühne im Bereich der umgebenden Pfirsichplantage zu vermuten und konnte auch bei geophysikalischen Untersuchungen nachgewiesen werden. 

 

Von Josef Keil und Dieter Knibbe wurde dieses Gebäude als ›Kulttheater‹ interpretiert. Die Ergebnisse der aktuellen Feldarbeiten ermöglichen nun eine genauere Interpretation: Das Gebäude ist aufgrund seiner Ausstattung sowie engen bautypologischen Vergleichen eindeutig als Odeion anzusprechen. Die in eine rechteckige Grundform eingeschriebene Cavea, welche eine Überdachung nahelegt, sowie die Aufdeckung der erhöhten Bühne lassen keine Zweifel bestehen. Typische Ausstattungselemente wie Skulpturenfragmente des Bühnengebäudes oder auch der opus sectile-Belag der Orchestra unterstützen die Interpretation als Odeion.

 

Odeia fungierten nachweislich als Austragungsort für musische Agone. Die Existenz solcher Wettkämpfe im Rahmen der heiligen Spiele für die Artemis in Ephesos ist durch Siegesnennungen eines Enkomiendichters, eines Schauspielers sowie eines Rhetors belegt. Nach den Ergebnissen der Feldforschungen im Jahr 2011 ist der Austragungsort der überlieferten musischen Agone eindeutig identifiziert: Das bisher als Tribüne bezeichnete Gebäude innerhalb des Temenos ist nunmehr als Odeion im Artemision anzusprechen.

 

Auch zu den Nachnutzungsphasen konnten bereits wesentliche Informationen gewonnen werden. Eine bedeutende archäologisch belegbare Umnutzungsphase ist in das 7./8. Jh. n. Chr. zu datieren und in zwei Sondagen nachzuweisen. Der Zugang zu dem bereits erwähnten Treppenaufgang in die Cavea wurde zu diesem Zeitpunkt abgemauert, weshalb eine Aufgabe der ursprünglichen Nutzung als Theaterbau naheliegt. Dieselbe Nutzungsphase aus dem 7./8. Jh. n. Chr. ist auch an anderer Stelle in einer der Kammern belegt, in der beim Einbau einer Latrine der originale Boden entfernt wurde.

 

Auf der Rückseite des Gebäudes konnte eine massive mittelalterliche Nachnutzung erkannt werden, die sich in hoch anstehenden Erdschichten direkt am Gebäude erhalten hat. Das qualitativ hochwertige keramische Fundmaterial lässt sich vorläufig in das 14.–15. Jh. n. Chr. datieren. Hervorzuheben ist ebenso, dass erstmals eine durchgehende Stratgrafie und damit Nutzungsgeschichte für das außerstädtische Heiligtum erstellt werden kann, die von den bauzeitlichen römischen Schichten bis in das Mittelalter und die Neuzeit reicht. Die laufenden Feldforschungen werden bis in das Jahr 2013 fortgesetzt und sollen anschließend in der Reihe »Forschungen in Ephesos« veröffentlicht werden.

 

Projektdauer

2009–2015

 

Finanzierung

ÖAI

 

Kooperationen

 

Literatur (Auswahl)

  • O. Benndorf (Hrsg.), FiE 1 (Wien 1906) 92 f.
  • J. Keil, Ephesos. Ein Führer durch die Ruinenstätte und ihre Geschichte 5(Wien 1964) 52–53.
  • D. Knibbe, Via Sacra Ephesiaca I, BerMatÖAI 3 (Wien 1993) 19–20.
  • A. Bammer, Zum Standort des Partherdenkmals von Ephesos, Anadolu/Anatolia 26, 2004, 11–24.
  • U. Muss, Das Artemision von Ephesos in römischer Zeit, in: M. Şahin – I. H. Mert (Hrsg.), Festschrift Ramazan Özgan (Istanbul 2005) 250–263.
  • H. Engelmann, Inschriften und Heiligtum, in: U. Muss (Hrsg.): Der Kosmos der Artemis von Ephesos, SoSchrÖAI 37 (Wien 2005) 33–44.
  • M. Weißl, Die Geschichte der Ausgrabungen im Artemision bis 1905, in: W. Seipl (Hrsg.), Das Artemision von Ephesos. Heiliger Platz einer Göttin (Wien 2008) 49–56.
  • L. Zabrana, Vorbericht zur sog. Tribüne im Artemision von Ephesos – ein neues Odeion im Heiligtum der Artemis, ÖJh 80, 2011, 341–364.
  • L. Zabrana, Im heiligen Bezirk des Artemisions. Neue Erkenntnisse zur sog. Tribüne in Ephesos, AW 5, 2012, 74–81.

     

 

Kontakt

Lilli Zabrana

 

 

Domitianstempel

Den westlichen Abschluss des sog. Staatsmarkts bildet ein über teilweise zweigeschossigen Substruktionen errichteter Kaiserkulttempel. Der Hauptzugang zu dem Areal befand sich im Norden, wo eine mehrgeschossige, teilweise mit Stützfiguren gegliederte Fassade eine zum Tempel führende Treppenanlage flankierte. Eingefasst war das Tempelareal von umlaufenden Hallen, zudem konnte im Westen ein sekundärer Zugang festgestellt werden.

 

Obwohl vom Tempel selbst nicht viel erhalten ist, konnte während der Freilegung im Jahr 1930 der Grundriss in groben Zügen geklärt werden. Über einem sechsstufigen Unterbau (24 × 34 m) erhob sich ein Pseudodipteros mit Cella und Pronaos sowie einer Peristasis mit 8 × 13 Säulen. Östlich des Tempels konnten Reste eines U-förmigen Altarbaus aufgedeckt werden, dessen Relieffries Opferszenen sowie Waffendarstellungen zeigt. Während Teile des Frieses in situ angetroffen wurden, fanden sich andere – in byzantinischer Zeit sekundär verbaut – in einem Brunnen der Unterstadt von Ephesos.

 

Die Zuschreibung des Tempels an Kaiser Domitian erfolgte aufgrund eines Hauptes sowie weiterer Körperteile einer kolossalen Statue, die in den Substruktionen gefunden wurden. Auf Basis dieser Funde wurde der Tempel mit der epigrafisch überlieferten ersten Neokorie in Ephesos für Kaiser Domitian und seiner Gattin Domitia in Zusammenhang gebracht. Nach dessen Ermordung und damnatio memoriae wäre die Verehrung auf Vespasian und in weiterer Folge die gesamte flavische Dynastie übergegangen und der Kult kontinuierlich weiter gepflegt worden. Jüngsten Forschungsergebnissen zufolge könnte der Baubeginn jedoch bereits in neronischer Zeit erfolgt sein, auch wird die Zuschreibung des Kopfes an Titus inzwischen kaum mehr in Zweifel gezogen.

 

Nach der partiellen Freilegung von Tempel und Altar stand die Anlage zwar immer wieder im Zentrum weitreichender Interpretationen. Diesen konnte allerdings eine nur mangelhafte archäologische Befundlage zugrunde gelegt werden, denn bislang waren weder die Errichtungszeit, die Widmung noch die Dauer des Kults oder die Zerstörung der Anlage mit Sicherheit zu bestimmen.

 

Im Schwerpunktprojekt »Kult und Herrschaft« wurden 2009 die Grabungen im Areal des Kaiserkulttempels erneut aufgenommen, auf die im Jahr 2010 eine geophysikalische Prospektion folgte. Bei den Grabungen lag der Fokus auf der absolutchronologischen Einordnung der Bauphasen, insbesondere der Zerstörungszeit sowie den Nachnutzungen des Areals. Während das Baumaterial von Tempel und Altar bereits in der Antike vollständig abgetragen, verarbeitet oder wiederverwendet worden war, haben sich von der Hofpflasterung die in situ liegenden Marmorplatten oder – wo diese fehlten – der Mörtelunterbau erhalten. Darüber lag eine 15–20 cm starke Brandschicht, in der sich zahlreiche, kleinteilig zerschlagene Teile der Tempelarchitektur sowie Statuenfragmente erhalten haben. Besonders erwähnenswert sind auch Architekturblöcke der Nordhalle, die verstürzt direkt auf der Hofpflasterung zu liegen kamen. Münzen und Keramik datieren die Zerstörung des Tempels und seiner Hallen in das frühe 5. Jh. n. Chr.

 

Der Tempel selbst war bis zum Unterbau abgetragen worden. Darauf errichtete man in spätantik-byzantinischer Zeit ein langgestrecktes Gebäude aus Bruchsteinmauerwerk sowie massiven, pilasterartigen Verstärkungen an den Außenseiten. Innerhalb des Baus wurde das Niveau durch das schichtenweise Eingießen von opus caementicium um etwa 1,5 m erhöht. Die äußerst solide Bauweise lässt einen fortifikatorischen Charakter für das Gebäude erschließen, möglicherweise handelt es sich um eine strategische Anlage zwischen der byzantinischen Kernsiedlung in der ehemaligen Unterstadt von Ephesos und dem Hinterland.

 

Aber auch der Hof und die Hallen wurden in spätantik-byzantinischer Zeit bebaut. Auf Basis der geophysikalischen Prospektion, die im Osten des Kaiserkultareals eine intensive Bebauung zeigte, wurden 2011 Grabungen in Angriff genommen und in weiterer Folge ein repräsentativer Baukomplex bestehend aus einem Hof, einem lang gestreckten Raum mit Mosaikboden, einem Brunnen und einem Wirtschaftstrakt freigelegt. Von der ursprünglich reichen Ausstattung haben sich Basen, Säulen und Kapitelle aus Marmor erhalten, auch die Hofflächen waren mit einem Marmorpflaster verlegt. Besonders qualitätsvoll gestaltet war ein dem Hof im Süden anschließender, wohl etwa 50 m² großer Raum, in dem ein vierfärbiges Bodenmosaik verlegt war. Obwohl erst etwa ein Viertel des Paviments ausgegraben ist, kann der Dekor rekonstruiert werden: Gerahmt von einem Efeublattrapport wechseln einander Bildfelder und ein mehrfach verschlungenes Mäanderband ab. Zu sehen sind Meerwesen, deren Darstellungsweise sowohl der Natur entnommen als auch der Fantasie entsprungen ist. Besonders eindrucksvoll ist ein Fabelwesen aus Löwenkopf und Leib, Flügeln und Fischschwanz. Südlich des Mosaikraums schloss ein Nord-Süd orientiertes, dreiteiliges Nymphäum an. Die zentrale apsidenförmige Nische flankieren an beiden Seiten kleinere rechteckige Nischen, die vorgelagerten Becken werden durch massive Platten abgeschrankt. Die Wasserentnahme erfolgte im Osten, wo sich auch Überlaufbecken und Abflusskanäle befanden. Westlich an den Brunnen schlossen wirtschaftlich genutzte Räume an.

 

Eine erste chronologische Auswertung brachte den Nachweis, dass das Gebäude bereits im 5. Jh. n. Chr., wohl nicht lange nach der Zerstörung des Tempels, errichtet wurde. Die Nutzungszeit erstreckte sich wohl bis in das 6. Jh. n. Chr., jüngere Funde konnten dagegen bislang nicht dokumentiert werden.

 

Der hohe Lebensstandard kommt nicht nur in der Architektur und der Ausstattung zum Ausdruck, sondern spiegelt sich auch in den Kleinfunden wider. So konnten in den Wirtschaftsräumen nicht nur zahlreiche Importamphoren aus unterschiedlichen Regionen des Imperiums gefunden werden, sondern auch besonders wertvolle Gebrauchsgegenstände. Hervorzuheben sind zwei Türklopfer, einer in Form eines lateinischen Kreuzes, ein anderer in Gestalt eines Löwenkopfs, sowie eine hervorragend erhaltene frühbyzantinische Schnellwaage.

 

Finanzierung

ÖAI

 

Literatur

  • S. J. Friesen, Twice Neokoros. Ephesus, Asia, and the cult of the Flavian imperial family, EPRO 116 (Leiden 1993).
  • J. Keil, XVI. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 27, 1932, Beibl. 5–72.
  • P. Scherrer, Die Stadt als Festplatz: Das Beispiel der ephesischen Bauprogramme rund um die Kaiserneokorien Domitians und Hadrians, in: J. Rüpke (Hrsg.), Die Stadt als Festplatz: Das Beispiel der ephesischen Bauprogramme rund um die Kaiserneokorien Domitians und Hadrians, in: J. Rüpke (Hrsg.), Festrituale in der römischen Kaiserzeit, Studien und Texte zu Antike und Christentum 48 (Tübingen 2008) 35–65.
  • P. Scherrer, Anmerkungen zum städtischen und provinzialen Kaiserkult: Paradigma Ephesos – Entwicklungslinien von Augustus bis Hadrian, in: H. Thür (Hrsg.), »… Und verschönerte die Stadt …« – KAI KO ΣMEΣANTA THN ΠOLIN. Ein ephesischer Priester des Kaiserkultes in seinem Umfeld, SoSchrÖAI 27 (Wien 1997) 93–112.
  • H. Thür, Wie römisch ist der sog. Staatsmarkt in Ephesos?, in: M. Meyer (Hrsg.), Neue Zeiten – neue Sitten. Zu Rezeption und Integration römischen und italischen Kulturguts in Kleinasien, WForsch 12 (Wien 2007) 77‑90.

 

 

 

Kontakt

Sabine Ladstätter

 

 

 

 

Villenbezirk am Panayırdağ

Auf einer Fläche von über 4.000 m² konnten die Ruinen eines monumentalen Villenkomplexes am Westabhang des Panayırdağ in den Jahren 1929 und 1930 unter der Leitung von Josef Keil und Franz Miltner partiell aufgedeckt werden. Errichtet auf einer künstlich angelegten Terrasse, nimmt das Gebäude eine in städtebaulicher Hinsicht prominente Position unmittelbar oberhalb des Theaters von Ephesos ein. Ein von 10 × 10 dorischen Säulen umstandener Peristylhof im Norden der Anlage wird an drei Seiten von unterschiedlichen Räumlichkeiten umfasst. Den südlichen Teil der Villa beherrscht ein etwa 23,00 × 10,00 m messender Apsidensaal, dem nach Westen hin zwei Vorräume vorgelagert sind. Die außerordentlich repräsentative Größe und Architektur des Gebäudes sowie seine Lage führten rasch zu einer Ansprache als Wohnhaus eines reichen ephesischen Bürgers oder gar eines römischen Provinzialbeamten, wobei wiederholt der Statthalter der römischen Provinz Asia als möglicher Nutzer der Villa in Erwägung gezogen wurde.

 

Da eine Fortführung der archäologischen Grabungen ebenso ausblieb wie eine umfassende Bestandsaufnahme und Bauanalyse, besteht Unkenntnis nicht nur über die Funktion der Anlage, sondern auch über ihre Baugeschichte und über ihre städtebauliche Einbindung. Punktuellen Einblick in die strukturelle Organisation dieses Stadtquartiers gewährten bauarchäologische Untersuchungen in den Jahren 2009 und 2010 an einem Nischen-Zentralraum unmittelbar nördlich der Villa. Sie indizieren, dass sich über den Bereich der Villa hinaus mehrere Gebäudegruppen und Areale zu einem repräsentativen Bezirk oberhalb des Theaters zusammenschlossen. Auf Basis dieser Vorarbeiten ist es nun Ziel der seit 2011 durchgeführten Untersuchungen am Villenbezirk, in Kombination unterschiedlicher Methoden der städtebaulichen Forschung die Kenntnis von Struktur, architektonischer Gestaltung und baulicher Transformation des Stadtareals oberhalb des Theaters zu erweitern.

 

Drei Räume des Repräsentationstrakts im Süden der Villa sowie ein als Exedra angesprochener Raum am nördlichen Peristylhof waren im Zuge der alten Grabungen bis auf das jüngste festgestellte Bodenniveau freigelegten worden. An diesen Gebäudeteilen wurde in den Jahren 2011 und 2012 eine systematische Bestandsaufnahme durchgeführt. Eine Sondage im Nordwesten des nördlichen Peristylhofs der Villa diente darüber hinaus einer Untersuchung der ältesten Gebäudephase. Zusätzlich lieferte ein östlich und südlich der Villa durchgeführter GPS-Vermessungssurvey Informationen zu Ausmaß, Struktur und Erschließung des Komplexes in seinem urbanistischen Zusammenhang.

 

Die Ergebnisse der Untersuchungen im Bereich der Exedra und der nördlichen Halle des Peristylhofs konnten in wesentlichen Punkten eine bereits von H. Thür formulierte Hypothese bestätigen, derzufolge eine hellenistische Peristylvilla den ältesten Kern des Gebäudekomplexes gebildet hat. Sowohl die ornamentierten Bauglieder des ältesten Gebäudes als auch die Keramik aus dessen Bauplanie indizieren, dass die Villa bereits im Laufe des 2. Jhs. v. Chr. errichtet wurde. Auf einer künstlich angelegten Terrasse bildete ein dorischer Peristylhof von etwa 21 × 21 m Seitenlänge, der von 6 m tiefen und teils wohl zweigeschossigen Portiken umfasst wurde, das Zentrum des hellenistischen Gebäudes. Insbesondere hinsichtlich ihrer Größe und ihrer beherrschenden Lage über der Stadt, aber auch hinsichtlich bestimmter architektonischer Einzelformen orientierte sich die Villa bereits in ihrem ersten Bauzustand an zeitgenössischer Palastarchitektur. In Kombination mit der wohl etwas früher erfolgten Errichtung des ältesten steinernen Bühnengebäudes des Theaters bezeugt die Villa einen wesentlichen Urbanisierungsschub in diesem Bereich der Stadt im Verlauf des 2. Jhs. v. Chr.

 

Eine monumentale Erweiterung der Villa kann für den Verlauf des 2. Jhs. n. Chr. nachvollzogen werden. Zeugnis dieses groß angelegten Ausbaus gibt der eindrucksvolle Repräsentationstrakt im Süden des Gebäudes, der von einem großen Apsidensaal dominiert wird. Während die erhaltene räumliche Gliederung des Trakts auf spätantike Baumaßnahmen zurückgeführt werden kann, legen die dokumentierten Befunde nahe, dass der Apsidensaal in seinem ersten Bauzustand bereits im 2. Viertel oder um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr. errichtet worden war. Die besondere architektonische Gestaltung des Saals, die Anleihen an der Architektur öffentlicher Versammlungsräume und insbesondere an der sog. Basilika der Domus Flavia am Palatin nimmt, könnte – im Verein mit Indizien für starken Besucherverkehr und sekundär verbauten öffentlichen Inschriften – als Hinweis auf eine öffentliche Funktion des Gebäudetrakts zu verstehen sein. Die Kombination der gewählten Raumform mit einer wahrscheinlichen Funktion als Empfangs- oder Versammlungsraum weist den Saal der ephesischen Villa als frühes Beispiel apsidaler Empfangsräume in Villen abseits der kaiserlichen Palastarchitektur aus.

 

Im fortgeschrittenen 4. oder frühen 5. Jh. n. Chr. wurde der Repräsentationstrakt grundlegend umgestaltet. Dem nunmehr verkleinerten Apsidensaal wurden nach Westen hin zwei kleine, vestibülartige Räume vorgelagert. Aus dem zweiten Vestibül führte eine fünfstufige Treppe über drei Türen in den Saal, dessen Bodenniveau nun gegenüber den westlich vorgelagerten Räumlichkeiten deutlich erhöht war. In dieser eindrucksvollen baulichen Inszenierung der sozialen Hierarchie manifestiert sich ein für die herrschaftliche Architektur der Spätantike typisches Konzept. Zudem unterstreicht die außergewöhnlich lange repräsentative Nutzungsdauer des Gebäudes seine Bedeutung als Schlüsselmonument für die städtebauliche Entwicklung des Quartiers.

 

Projektdauer

2011–2013

 

Finanzierung

ÖAI

 

Literatur

  • S. P. Ellis, The End of the Roman House, AJA 92, 1988, 569 f. 576.
  • S. P. Ellis, Late Antique Houses in Asia Minor, in: S. Isager – B. Poulsen (Hrsg.), Patron and Pavements in Late Antiquity, Halicarnassian Studies 2 (Odense 1997) 43 f.
  • F. Fasolo, L’architettura romana di Efeso, BArchit 18, 1962, 57–60.
  • S. Groh unter Mitarbeit von V. Lindinger – K. Löcker – W. Neubauer – S. S. Seren, Neue Forschungen zur Stadtplanung in Ephesos, ÖJh 75, 2006, 87 f.
  • J. Keil, XVI. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 27, 1932, Beibl. 7–12.
  • F. Miltner, Ephesos, Stadt der Artemis und des Johannes (Wien 1958) 79 f.
  • U. Outschar, Sog. Byzantinisches Banketthaus am Panayırdağ, in: P. Scherrer (Hrsg.), Ephesos. Der neue Führer (Wien 1995) 172.
  • H. Thür, Kontinuität und Diskontinuität im ephesischen Wohnbau der frühen Kaiserzeit, in: C. Berns u. a. (Hrsg.), Patris und Imperium. Kolloquium Köln 1998, 8. Suppl. BABesch (Leuven 2002) 257–274.
  • H. Vetters, Ephesos. Vorläufiger Grabungsbericht 1979, AnzWien 117, 1980, 255.
  • H. Vetters, Ephesos. Vorläufiger Grabungsbericht 1980, AnzWien 118, 1981, 142.

 

Kooperationen

  • Herkunftsanalyse Marmor: W. Prochaska, Montanuniversität Leoben, Department für angewandte Geowissenschaften und Geophysik
  • 3-D-Laserscan am Zentralraum: R. Kalasek und B. Thuswaldner, TU Wien.

 

Kontakt

Christoph Baier