Milet

Projekte: Geografische Übersicht

Das Heiligtum der Artemis Kithone

Nach der antiken Überlieferung zählte das Heiligtum der Artemis Kithone zu den ältesten Heiligtümern von Milet. Kallimachos nennt die Göttin in seinem Artemis-Hymnos (Kall. h. 225–227) Anführerin der Auswanderer unter dem mythischen Oikisten Neleus. 1995 konnte das Temenos durch zwei Inschriftenfunde auf der Ostterrasse des Kalabaktepe, des südlichsten Hügels innerhalb der ummauerten archaischen Stadt, lokalisiert werden. Dort waren bereits bei den Ausgrabungen unter T. Wiegand 1906/1907 eine Terrakottasima und Marmorskulpturen (heute im Alten Museum in Berlin) gefunden worden, die auf einen heiligen Bezirk mit Tempel deuteten.

 

Ziel der neuen Ausgrabungen 2006–2008 war es, durch stratigrafische Schnitte nähere Aufschlüsse über Chronologie und Bauphasen sowie über Ausdehnung, architektonische Gestaltung, Kultgeschehen und Geschichte dieses bedeutenden Polisheiligtums zu gewinnen. Die Befunde umspannen den Zeitraum vom 8. Jh. bis zur Mitte des 5. Jhs. v. Chr. Ein zweiräumiger, in den Hang gesetzter Bau aus der spätgeometrischen Epoche ist zum Teil noch in vollständiger Mauerhöhe erhalten. In der Mitte des 7. Jhs. v. Chr. wurde das Temenos durch eine mächtige Anschüttung nach Norden hin erweitert. In der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. wurde nach einer Erneuerung der Terrassenmauern ein Tempel errichtet, von dem die Fundamente und ein östlich vorgelagerter Altar freigelegt werden konnten. Aus der Spätarchaik haben sich einige Skulpturen und Reliefs aus Marmor erhalten, die rituell deponiert worden waren. Als die Perser 494 v. Chr. Milet eroberten und die Stadt als Rädelsführerin des Ionischen Aufstandes exemplarisch bestraften, wurde auch das Artemis-Heiligtum zerstört und im Anschluss profaniert. Darüber erbaute man ein frühklassisches Wohnquartier, das in der Mitte des 5. Jhs. v. Chr. wieder aufgegeben wurde. Es ist das einzige seiner Art, das man bislang aus Ionien kennt. Das Heiligtum der Artemis Kithone aber wurde in die damals verkleinerte Stadt verlegt. Im Hellenismus erinnerte man sich des alten Kultplatzes, an dem man Terrakottafiguren niederlegte.

   

Projektdauer

Grabungen 2006–2008; Fundbearbeitung 2007–2012

   

Finanzierung

Deutsche Forschungsgemeinschaft

Deutsches Archäologisches Institut

ÖAI

   

Kooperationen

Milet-Grabung

Volkmar von Graeve, Institut für Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum

 

Epigrafik und Schriftquellen

Norbert Ehrhardt, Institut für Alte Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

 

Terrakotten

Fikret Özcan, Arkeoloji Bölümü, Süleyman Demirel Üniversitesi Isparta

   

Literatur

  • Th. Wiegand, Sechster vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen in Milet und Didyma unternommenen Ausgrabungen, AbhBerlin 1908, 4–6.
  • A. v. Gerkan, Kalabaktepe, Athenatempel und Umgebung, Milet 1, 8 (Berlin 1925), 8–26 Taf. 1–2. 12–14.
  • W. Günther, »Vieux et inutilisable« dans un inventaire inédit de Milet, in: D. Knoepfler (Hrsg.), Comptes et inventaires dans la cité grecque. Actes du colloque international d’épigraphie Neuchâtel 23–26 septembre 1986 en l’honneur de Jacques Tréheux (Neuchâtel 1988) 215–237.
  • M. Kerschner – R. Senff, Die Ostterrasse des Kalabaktepe, AA 1997, 120-122.
  • A. Herda, Der Kult des Gründerheroen Neileos und die Artemis Kithone in Milet, ÖJh 67, 1998, 1–48.
  • M. Kerschner, Das Artemis-Heiligtum auf der Ostterrasse des Kalabaktepe. Stratigraphie und Keramikfunde der Sondagen des Jahres 1995, AA 1999, 7-51.
  • F. Özcan, Funde aus Milet. XXIV. Hellenistische Terrakotten von der Ostterrasse des Kalabaktepe, AA 2009/1, 159–165.

   

Kontakt

Michael Kerschner