Mittelalterforschung in Selҫuk

Anonyme Türbe beim Artemision 

Odeion im Artemision

Türbe beim Spital (Sığla Bey Türbe)

Ein spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche in Ephesos

Entwicklung und Implementierung eines übergreifenden digitalen Dokumentations- und Archivierungssystems anhand des spätantik-mittelalterlichen Stadtquartiers in Ephesos


 

Gemäß einem Abkommen zwischen der Türkischen Generaldirektion für Stiftungen und dem ÖAI/Grabung Ephesos werden Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten an insgesamt 14 türkisch-mittelalterlichen Monumenten in Selçuk durchgeführt. Hauptziel des Projekts ist einerseits die wissenschaftliche Untersuchung und Erforschung der Periode des Fürstentums der Aydınoğulları und andererseits die Erhaltung dieser einzigartigen Denkmäler mithilfe moderner Restaurierungsmethoden. Zudem soll das Augenmerk auf die seldschukisch-osmanische Geschichte der Region gelegt werden.

 

Die Epoche der Fürsten von Aydın war eine Übergangsphase von seldschukischer zu osmanischer Herrschaft in Anatolien, welche auch in der Kunst und insbesondere in der Architektur ihren Niederschlag fand und sich aufgrund der in Westanatolien vorherrschenden Traditionen deutlich von anderen Gebieten unterschied. Es entwickelte sich ein individueller architektonischer Stil, in dem griechisch-römische und byzantinische Elemente mit orientalischen und türkischen verschmelzen.

 

 

Anonyme Türbe beim Artemision

2009–2011 wurde eine im Eingangsbereich zum Artemision stehende Türbe archäologisch untersucht. Aufgrund des Fehlens einer Bauinschrift ist weder der Stifter noch jene Person bekannt, zu deren Ehren der Bau errichtet worden war, doch kann die Errichtungszeit aufgrund der archäologischen Erkenntnisse an das Ende des 14. Jahrhunderts gesetzt werden.

 

Über einem quadratischen Grundriss von 6,5 × 6,5 m erhebt sich ein oktogonal ausgeführter Aufbau, der die halbkugelförmige Pendentifkuppel trägt. In den seitlichen Pendentifen, exakt in den Ecken des Baus, sind vier kleine Öffnungen zu erkennen. An der Nordwestseite findet sich der durch profilierte Marmorelemente eingefasste Eingang, in den übrigen drei Wänden sind Fensteröffnungen eingebaut.

 

An diesem Gebäude sind die typischen Eigenheiten der Architektur zur Zeit der Aydınoğulları besonders eindrucksvoll ausgeprägt. Die Mauern sind aus Bruchsteinen und Ziegeln errichtet; antike wiederverwendete Marmorbauteile wurden dekorativ verbaut. Spuren hölzerner Balkenkonstruktionen, die in den Wänden zur Verstärkung der Stabilität dienten, sind klar zu erkennen. Ausgrabungen im Inneren der Türbe erbrachten eine in Stein gefasste, zentrale Hauptbestattung sowie eine seitlich entlang der Westmauer gelegene Nebenbestattung. Eine an die Ostwand angelehnte Bank diente als Sitzgelegenheit für Pilger.

 

Um die Türbe bestand schon vor der Errichtungszeit ein Friedhof, denn beim Bau des Grabmals wurden zahlreiche Bestattungen zerstört. Die Vielzahl an juvenilen Skeletten deutet auf eine hohe Kindersterblichkeit hin. Wie lange die Bestattungstätigkeit andauerte, ist noch nicht geklärt, jedoch dürfte die Mehrzahl der Klein- und Kleinstkinder im Verlauf des 15. und 16. Jhs. hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Ihre auffälligen Krankheitsbilder sind ein untrüglicher Beleg für den schwindenden Lebensstandard jener Zeit.

 

Von besonderem Interesse sind die Grabungsbefunde südlich des Gebäudes, wo eine differenzierte Phasenabfolge dokumentiert werden konnte. Neben dem Befund eines Keramikbrennofens, der durch den Bau der Türbe zerstört wurde liegt der Fokus auf den archäologischen Resten vom Mauerstrukturen, die jünger als das Grabmal datiert werden können. Diese bilden ein nur in seinen Grundmauern erhaltenes Bauwerk, das direkt an das Südfenster der Türbe angesetzt wurde. Es handelt sich um ein zweiräumiges Gebäude dessen Nutzung noch nicht interpretiert werden kann. Auffallend ist die Ausstattung des kleineren Raumes mit einem Ziegelplattenboden. Nachdem dieses Gebäude aufgegeben und gründlich abgetragen worden war, nutzte man das Areal ein weiteres Mal als Friedhof, diesmal wohl ohne Unterbrechung bis in das 19. Jh.

 

Die mittelalterliche Siedlungschronologie des Areals geht zurück bis in das 10. Jh. n. Chr., also in die mittelbyzantinische Zeit. Da diese Epoche bislang in Ephesos kaum dokumentiert ist, ist der Fundplatz auch für die Siedlungschronologie von Ephesos/Ayasoluk von besonderer Bedeutung. Die Masse der Keramik gehört allerdings in das 14. und 15. Jh. n. Chr., Material aus den Fundamentgräben der Türbe legen nahe, das Gebäude selbst in das späte 14. Jh. zu datieren.

 

Die Türbe soll in weiterer Folge restauriert und im Rahmen eines Tourismuskonzepts für das Artemision Besuchern präsentiert werden.

 

Kontakt

Sabine Ladstätter

 

 

Odeion im Artemision

Bei den Grabungen im Odeion im Artemision konnte eine Nachnutzung des Gebäudes festgestellt werden, die nach Ausweis des Fundmaterials in das 14./15. Jh. n. Chr. datiert. Zu diesem Zeitpunkt wurde das römische Gebäude umgebaut und die ehemaligen Kammern wurden zu Wohnzwecken adaptiert. Dafür erweiterte man die Fensteröffnungen und schuf hier Eingänge auf höherem Gehniveau. Dem Gebäude im Westen vorgesetzte Mauern können möglicherweise als Windfänge interpretiert werden.

 

Von guter Qualität und hervorragendem Erhaltungszustand sind die hier aufgefundenen Inventare an tönernem Tafelgeschirr, darunter sowohl glasierte Waren als auch solche, die aus einem Model gefertigt und mit golden glänzendem Überzug versehen wurden. Auch wenn der Großteil der Keramik aus der Region selbst stammt, so finden sich doch Hinweise auf weitreichende Handelsbeziehungen, die bis nach Spanien einerseits und Persien andererseits reichten. Von dem in islamischer Zeit bekanntlich hoch entwickelten Glashandwerk zeugen sowohl Krüge mit Fadenauflage als auch rot gefärbte, kleine, extrem dünnwandige Töpfchen. Militärischen Charakter weisen wiederum Pfeil- und Lanzenspitzen sowie Geschoßkugeln auf. Auch wenn die Funktion dieser mittelalterlichen Anlage bislang nicht geklärt werden konnte, so lassen die extrem qualitätvollen Objekte sowie die Militaria einen Herrensitz im Weichbild der mittelalterlichen Stadt Ayasoluk möglich erscheinen.

 

Kontakt

Archäologie: Lilli Zabrana

Keramik: Joanita Vroom, Ebru Fındık

 

 

Türbe beim Spital (Sığla Bey Türbe)

2010 wurde mit der wissenschaftlichen Bearbeitung eines anonymen Grabmals (Türbe) begonnen, das sich im Zentrum der modernen Stadt Selçuk vor dem staatlichen Krankenhaus befindet. Der Baukörper des 10 × 8,5 m großen und ca. 7 m hohen Denkmals besteht aus einer Mischung aus Bruchsteinen und Ziegeln, wobei die Ziegel auch in gestalterischer Absicht verbaut wurden. So entsteht durch abwechselnd horizontal und vertikal verlegte Ziegel ein dekoratives, rahmenartiges Muster. Zudem wurden auch wiederverwendete antike Werkstücke aus Marmor sichtbar verbaut. Über einem quadratischen Grundriss erhebt sich eine halbkugelförmige Kuppel, türkische Dreiecke in allen Ecken bilden den Übergang von aufgehendem Mauerwerk zur Kuppel. Die Südostfassade ist nach außen hin um eine Vorhalle (Iwan) erweitert worden, durch die der Eingang besonders gestaltet und hervorgehoben wurde.

 

Im Rahmen des Restaurierungsprojektes waren in und um die Türbe beim staatlichen Krankenhaus in Selçuk auch archäologische Grabungen notwendig geworden, die im Herbst 2010 durchgeführt wurden. Dabei konnten im Inneren des Gebäudes mehrere Grablegen sowie zahlreiche Grabsteine und Abdeckplatten gefunden werden, die wichtige Informationen zur Bauzeit sowie zu den Bestatteten lieferten. Auch im Norden, Osten und Süden des Grabmals waren Gräber angelegt worden, während der Westen bestattungsfrei blieb.

 

Von besonderer Bedeutung ist ein Grabstein, der uns den im Jahr 1346 verstorbenen Ahmet Pasha nennt, welcher in der Türbe seine letzte Ruhestätte fand. Bei Ahmet Pasha handelt sich um einen Adeligen der Aydınoğulları-Dynastie und einen der Gründungsväter von Ayasoluk/Selçuk. Es kann daher mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass das Grabmal bereits in der ersten Hälfte des 14. Jhs. errichtet wurde und somit zu den ältesten Monumenten in Ayasoluk gehört.

 

Kontakt

Architektur: Soner Bellibaş 

Islamische Kunstgeschichte: Mükkerem Kürüm

 

 

Literatur

  • F. Krinzinger (Hrsg.), Spätantike und mittelalterliche Keramik aus Ephesos, AForsch 13 = DenkschrWien 332 (Wien 2005).
  • A. Külzer, Ephesos in byzantinischer Zeit: ein historischer Überblick, in: F. Daim – J. Drauschke (Hrsg.), Byzanz – das Römerreich im Mittelalter: Pracht und Alltag eines Weltreiches, Monographien des RGZM 84, 2, 2 (Mainz 2010) 520–539.
  • S. Ladstätter, Ephesos in byzantinischer Zeit. Das letzte Kapitel einer antiken Großstadt, in: F. Daim – J. Drauschke (Hg.), Byzanz – das Römerreich im Mittelalter: Pracht und Alltag eines Weltreiches, Monographien des RGZM 84, 2, 2 (Mainz 2010) 493–519.
  • S. Pfeiffer-Taş, Funde und Befunde aus dem Schachtbrunnen im Hamam III in Ayasuluk/Ephesos, AForsch 16 = DenkschrWien 389 (Wien 2010).
  • C. Telci, Ayasuluğ (Selçuk 2010).

 

 

Kontakt

Sabine Ladstätter

 

Ein spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche in Ephesos

Ephesos in der Spätantike

Gegen Ende des 4./Anfang des 5. Jhs. n. Chr. etablierte sich Ephesos als überregionales politisches sowie ökonomisches Zentrum, und auch die erstarkte christliche Religion drückte der Stadt ihren Stempel auf. So wurden im Rahmen eines wohl zentral gesteuerten Bauprogramms repräsentative Bauten profaner und sakraler Natur in der Unterstadt von Ephesos errichtet. Sowohl in zeitlicher als auch räumlicher unmittelbarer Nähe entstanden großzügig angelegte Privatbauten, die in ihrer Grundrissgestaltung in Nachfolge der kaiserzeitlichen Hanghäuser standen.

In den letzten Jahren bot sich die Möglichkeit, einen solchen Komplex mithilfe modernster Methoden auszugraben. Seine Strukturen befinden sich unmittelbar südlich der Marienkirche und wurden im Zuge des geophysikalischen Surveys über den Nordhallen der kaiserzeitlichen ›Verulanushallen‹ gemessen.


Die Befunde des spätantik-mittelalterlichen Stadtquartiers

Das ergrabene Areal umfasst etwa 2.000 m², und es lassen sich im Befund mehrere, voneinander unabhängige Komplexe feststellen. Hervorzuheben ist ein repräsentativer Wohnbau, der mit Schmuckböden, Wandmalereien und Marmorinkrustationen ausgestattet war. Daneben wurden Räume freigelegt, die hauswirtschaftlichen Aktivitäten vorbehalten waren. Die großen Dimensionen der Installationen in einzelnen Räumen legen nahe, dass hier landwirtschaftliche Produkte, etwa Trauben, Getreide und Oliven, weit über den Eigenbedarf hinaus verarbeitet wurden. Darüber hinaus ist es möglich, Beinwerkstätten zu rekonstruieren. Mehrere Tausend Münzen, Waagen und Gewichte lassen zudem auf Handelsaktivitäten schließen, die insbesondere in straßenseitigen Tabernen abgewickelt wurden.

In der zweiten Hälfte des 7. Jhs. fand die Nutzung dieser Baukomplexe ein jähes Ende. Ein möglicherweise durch ein Erdbeben verursachtes Feuer führte zu einer umfassenden Zerstörung, wobei ein Großteil der Gebäude danach wieder instand gesetzt wurde. Auffallend ist jedoch, dass man nicht mehr in Lage oder auch nicht willens war, den gesamten Zerstörungsschutt aus dem Gebäude zu entfernen: Teilweise wurden Räume mit Schutt aufgefüllt und abgemauert, teilweise wurde der Schutt innerhalb der Räume einplaniert und neue Böden eingebracht. In einzelnen Bereichen wurde im Laufe der weiteren Nutzung mehrmals so verfahren, wodurch sich das Niveau im Inneren sukzessive erhöhte.

 

Die byzantinischen ›Dark Ages‹ in Ephesos

Erst ab dem 12. Jh. scheint man die spätantiken Strukturen vollkommen aufzugeben, punktuell wurden sie auch überbaut. Konnte bis zu dieser Zeit Wohnaktivität nachgewiesen werden, so scheint das Areal nun hauptsächlich für agrarische Zwecke genutzt worden zu sein. Hiervon zeugen noch vereinzelt erhaltene Speicherbauten. Die letzten Spuren menschlicher Aktivität lassen sich in das 14. Jh. datieren, wobei diesen keine baulichen Befunde mehr zuzuordnen sind. Wie Befunde andernorts im Stadtgebiet nahelegen, wird Ephesos zu diesem Zeitpunkt gänzlich verlassen.

 

 

Finanzierung

ÖAI

Gesellschaft der Freunde von Ephesos

 

Kontakt

Sabine Ladstätter

Helmut Schwaiger


Entwicklung und Implementierung eines übergreifenden digitalen Dokumentations- und Archivierungssystems anhand des spätantik-mittelalterlichen Stadtquartiers in Ephesos

Status quo

In den vergangenen Jahren ist durch die Weiterentwicklung der Methoden und die Integration unterschiedlichster Disziplinen in die archäologische Grundlagenforschung wie auch durch technologische Fortschritte die Menge an produzierten und zur Verfügung stehenden Daten enorm gestiegen. Diesem Umstand Rechnung tragend, wurden am ÖAI unterschiedliche Dokumentationssysteme entwickelt, die sich an den Erfordernissen und Bedürfnissen der einzelnen Forschungsrichtungen orientieren.

Zweifelsohne erlauben diese Insellösungen eine flexible und individuelle Verarbeitung der jeweiligen Daten, stoßen aber im Hinblick auf die Interoperabilität an ihre Grenzen. Und weil oft nur projektspezifische Lösungen erarbeitet und umgesetzt wurden, ist zudem nicht ausnahmslos gewährleistet, dass die Daten im Sinne eines einheitlichen Archivmanagements auch längerfristig verfügbar und verwertbar sind.

 

Neben den digitalen Daten bewahrt das ÖAI in seinen Archiven und Sammlungen ein Fülle ›analoger‹ Dokumentationsmaterialien, deren Erfassung und Verarbeitung ebenfalls Berücksichtigung finden muss, handelt es sich dabei doch teilweise um einmalige Informationsquellen, mitunter über nicht mehr existente Befundsituationen.

 

Case Study: Spätantik-mittelalterliches Stadtquartier

Anhand der bei den Untersuchungen des spätantik-mittelalterlichen Stadtquartiers südlich der Marienkirche von Ephesos generierten und noch zu erwartenden Daten soll in einem ersten Schritt unter Berücksichtigung aller angewandter Disziplinen und Methoden ein Konzept für eine umfassende digitale Lösung erarbeitet werden. Neben der Langzeitarchivierung der Inhalte werden die Entwicklung eines für den Anwender/die Anwenderin praktikablen Werkzeugs zur Datenverarbeitung und die Optimierung des Arbeitsablaufs im Fokus stehen.

Damit einhergehend müssen standardisierte Methoden und Abläufe im Dokumentationswesen erarbeitet werden, um eine zukünftige Applikation innerhalb aller Forschungsprojekte ÖAI zu ermöglichen, unter Berücksichtigung der jeweiligen Spezifika.

 

Einbindung in internationale Netzwerke

Neben der Analyse der intern bereits existierenden Systeme gilt es, bei der Konzeption des Datenmanagements auch vorhandene Lösungen fachverwandter Institutionen zu berücksichtigen, um im Idealfall einen Datenaustausch mit anderen Projekten zu erreichen. Ein weiteres Ziel ist die Online-Bereitstellung der Daten, um nicht nur die Nachprüfbarkeit der Forschungsergebnisse, sondern auch die langfristige Nutzung dieser Forschungsdaten zu garantieren.

 

Das Projekt ist Teil der Initiative »Archäologisches Informations- und Archivierungssystem« am ÖAI.

 

 

Finanzierung

Gesellschaft der Freunde von Ephesos


Kontakt

Helmut Schwaiger