Numismatisches Projekt Ephesos

Im Konzert der Altertumswissenschaften spielt die Numismatik eine besondere Rolle, da sie sich mit Objekten befasst, die einerseits offizielle Produkte des jeweiligen Staates oder Herrschers darstellen, anderseits aber auch massenhaft überliefert sind. Die von Robert Göbl entscheidend geprägte ›Wiener Schule‹ der Numismatik hat einerseits in der Rekonstruktion der antiken Prägeabläufe, der sog. Systemrekonstruktion, methodisch neue Wege gewiesen, andererseits aber auch in der Beschäftigung mit vormodernen Fundmünzen und Münzhorten international hoch anerkannte Leistungen erbracht. Entscheidend hierfür war und ist die Bündelung der Kompetenzen des Instituts für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien, desMünzkabinetts des Kunsthistorischen Museums Wien und der Numismatischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

 

Seit dem Jahr 2000 werden von der Numismatischen Kommission unter der Leitung von Obmann Michael Alram sowohl die Fundmünzen der laufenden Grabungskampagnen in Ephesos wissenschaftlich bearbeitet als auch geschlossene Fundkomplexe im Rahmen der Aufarbeitung von Einzelmonumenten publiziert. Für Ephesos existiert – anders als für andere Grabungsplätze wie etwa Sardes oder Antiochia am Orontes – noch keine geschlossene und detaillierte Gesamtbearbeitung der Fundmünzen.

 

Die Fragestellungen der Fundmünzbearbeitung sind vielfältig. Auf der rein arbeitstechnischen Seite ist zunächst einmal die datenbankmäßige Erfassung und Bestimmung aller neuen Fundmünzen sowie ausgewählter älterer Stücke zu nennen. Langfristiges Ziel ist im Rahmen umfassender Spezialprojekte mit eigener Finanzierung eine corpusartige Erfassung der ephesischen Fundmünzen. Für die Objektbiographie sind Fundmünzen zum einen in der Gesamtschau wichtig: Unterschiedliche Fundmünzniederschläge spiegeln unterschiedliche Intensitäten der wirtschaftlichen Nutzung einzelner Areale wider, wobei gerade hier die Verknüpfung mit anderen Daten wie etwa der Keramikevidenz von großer Bedeutung ist, besonders für die nach rein numismatischen Kriterien teilweise nicht leicht datierbaren hellenistischen Kupferprägungen von Ephesos. Zu betonen ist hier, dass die Interpretation von Fundmünzen gerade mit wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Zielsetzungen auch andere Fundorte als nur Ephesos einbeziehen sollte, und dass zudem die Fundmünzen auch nicht ohne Grundkenntnisse des Prägesystems behandelt werden können. Im Rahmen der bisherigen numismatischen Arbeit in Ephesos, die von der Numismatischen Kommission durchgeführt wurde, entstand eine Fundmünzendatenbank, die (Stand Herbst 2010) über 15.000 antike und frühmittelalterliche Fundmünzen aus Ephesos selbst sowie aus ausgewählten anderen Fundorten im östlichen Mittelmeerraum enthält. Im Kontext der gesamtephesischen Fundnumismatik kann sodann der ›numismatische Fingerabdruck‹ einzelner Grabungsplätze herausgearbeitet werden. So hat etwa die Analyse des Fundmünzbestandes von der Kuretenstraße in der Zusammenschau mit dem vorläufigen Gesamtspektrum der ephesischen Fundmünzen der frühbyzantinischen Zeit bedeutende Erkenntnisse zur ephesischen Stadtgeschichte im 7. Jh. geliefert.

 

Es seien noch einige konkrete Beispiele für zukünftige Arbeitsschwerpunkte genannt: Durch neue Ausgrabungen in Ephesos und Sardes hat sich die Anzahl der durch ihren Fundkontext datierbaren frühen Elektronprägungen vervielfacht. Dadurch ergibt sich eine hervorragende Ausgangssituation für eine synoptische und interdisziplinäre Studie, an der sowohl die numismatischen als auch die archäologischen Aspekte von Spezialisten untersucht und gemeinsam diskutiert werden sollen. Für die Zeit des Augustus liegt aus Ephesos eine reiche Kupferprägung vor, die städtische Beamte nennt. Diese Übergangsphase vom späten Hellenismus zur frühen Kaiserzeit, für welche die Regierung des Kaisers Augustus von entscheidender Bedeutung ist, erfordert in münzkundlicher Hinsicht eine ausführliche Analyse, wobei hier die epigrafische Evidenz von Bedeutung ist. Für die kaiserzeitlichen Lokalprägungen aus Ephesos befindet sich momentan das Corpuswerk von Stefan Karwiese im Druck, sodass hier bald eine neue Arbeitsgrundlage vorliegen wird. Von einer richtiggehenden Revolution kann man für die Fundmünzlandschaft des 5. Jhs. sprechen: Die verfeinerten Grabungsmethoden einerseits sowie die verbesserte Kenntnis des Prägesystems andererseits ermöglichen es heutzutage überhaupt erst, eine lokale Geldgeschichte des 5. Jhs. zu schreiben. Der tatsächlich enorme Geldverkehr ruhte allein auf winzigen Kupfermünzen, die in den großflächigen älteren Grabungen nicht oder nur in sehr geringen Mengen aufgefunden wurden. Neuere Grabungen haben aber gerade auch in den letzten Jahren in Ephesos erwiesen, dass diese Fundgattung tatsächlich zu den zahlenmäßig stärksten Münzgruppen gehört. Dazu kommt, dass die Systemrekonstruktion dieser Gepräge ein viel besseres Verständnis für Datierung und vor allem die in wirtschafts- und verwaltungsgeschichtlicher Hinsicht so bedeutende Frage der Münzstättenzuweisung ermöglicht.

 

 

Finanzierung

Numismatische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

ÖAI

 

 

Literatur

  • N. Schindel, Die Fundmünzen von der Kuretenstraße 2005 und 2006. Numismatische und historische Auswertung, in: S. Ladstätter (Hrsg.), Neue Forschungen zur Kuretenstraße von Ephesos. Akten des Symposions für Hilke Thür vom 13. Dezember 2006 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, DenkschrWIen 382 = AForsch 15 (Wien 2009) 171–245.

 

 

Kontakt

Michael Alram

Österreichische Akademie der Wissenschaften

Numismatische Kommission