Paläogeografische Entwicklung der Ephesia

Projektziele und -inhalte

Im Zuge der archäologischen Erforschung der antiken Metropole Ephesos ist die Rekonstruktion der Paläogeografie und der Umweltgeschichte in Raum und Zeit für das Verständnis dieser prominenten Hafen- und Handelsstadt und ihrer Vorgängersiedlungen von großer Bedeutung.

 

In den vergangenen Jahrtausenden unterlag die Ephesia, das Gebiet um Ephesos, weit reichenden paläogeografischen und paläoökologischen Veränderungen. Bis in die Zeit des Chalkolithikums transgredierte das Meer weit landeinwärts, sodass sich im unteren Küçük Menderes-Graben der Golf von Ephesos ausbildete. Seitdem schuf die kontinuierliche Sedimentation des Küçük Menderes (in der Antike: Kaystros) und seiner Nebenflüsse Derbent/Marnas und Selinus Deltas, wodurch die ehemalige Meeresbucht bis auf kleinere Restseen an der Nordflanke des Grabens vollständig verlandete.

 

Der in hellenistischer und vor allem in römischer Zeit massiv durch menschlichen Einfluss beschleunigte Deltavorbau hat die Lage von Ephesos und ihre Bedeutung als wichtige Hafen- und Handelsmetropole in den Jahrhunderten um Christi Geburt und danach massiv beeinflusst. Die westwärts gerichtete Verschiebung der Küste war schließlich an dem allmählichen Niedergang der Stadt in nachrömischer Zeit beteiligt.

 

Methoden

Die Studien zur Paläogeografie der Ephesia befassen sich generell mit der Erforschung von Geo-Bioarchiven in einem archäologischen Kontext. Diese auch als Geoarchäologie bezeichnete interdisziplinäre Forschungsrichtung vereinigt Inhalte, Methoden und Perspektiven von Natur- und Geisteswissenschaften.

 

Im Fall von Ephesos und der Ephesia sind derartige Geo-Bioarchive, wie beispielsweise das Delta und die Flussaue des Küçük Menderes, Hangfußkolluvien und (verlandete) Restseen, aus denen die Landschaftsgeschichte seit dem Neolithikum (Çukuriçi Höyük) interpretiert werden kann. Zur Gewinnung der Sedimente haben sich Rammkernsondierungen mittels Schlagbohrhammer bewährt. Alle verfügbaren Informationen aus Karten, Luft- und Satellitenbildern, aus archäologischen Grabungsbefunden und historischen Quellen werden genutzt. Zu den Labormethoden zählen neben sedimentologischen und geochemischen Analysen paläoökologische Untersuchungen des Floren- und Faunengehalts. Die chronologische Einordnung beruht auf der 14C-Datierung von Früchten, Samen, Hölzern, Holzkohlen und Muschelschalen sowie der Stratigrafie mittels diagnostischer Keramik.

 

Schwerpunkte und Ergebnisse

Im laufenden Forschungsprojekt stehen folgende Detailstudien im Mittelpunkt:

 

- Geoarchäologische Untersuchungen am Çukuriçi Höyük

Diese Untersuchungen konnten zum ersten Mal nachweisen, dass die Besiedlung dieses Siedlungshügels südöstlich von Ephesos bis in die Mitte des 7. Jahrtausends v. Chr. zurückreicht. Damit gehört der Çukuriçi Höyük zu den ältesten bisher bekannten neolithischen Siedlungen in Westanatolien. Auch wenn es in den Kulturschichten vielfältige Hinweise auf die Nutzung mariner Ressourcen und Rohstoffe aus dem östlichen Mittelmeerraum gibt, zeigen die paläogeografischen Untersuchungen doch, dass der Çukuriçi Höyük nicht direkt an der damaligen Meeresküste gelegen war. Neueste Forschungen belegen, dass der Tell auf einem von Flüssen flankierten Geländesporn des Derbent-Tals lag.

 

- Geoarchäologische Untersuchungen zum frühesten Heiligen Hafen von Ephesos

Im unmittelbaren Umfeld des Artemisions – einem der sieben Weltwunder der Antike – soll der sog. Heilige Hafen, der Seeleuten im Namen der Göttin Artemis Schutz gewährte, gelegen haben. Seine genaue Verortung ist unbekannt. Ein vermuteter Ankerplatz befindet sich auf der Ostseite des Ayasoluk-Hüels. Jedoch zeigen die bis 17 m tief reichenden Bohrungen keinerlei maritime Befunde. Im Rahmen einer Detailstudie wurde das nordöstliche Umfeld des Artemisions untersucht. Zwischen Artemision und Ayasoluk-Hügel konnte für die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends eine Lagune hinter der Küstenlinie nachgewiesen werden. Jedoch war sie nach den bisherigen Befunden relativ flach und daher in der Zeit der Anlage des Artemistempels für einen Hafen ungeeignet. Im Bereich der eigentlichen Küstenlinie westlich der Lagune hätten Schiffe ankern oder das Boot auf den Strand gezogen werden können. Etwas weiter nördlich zeigte eine 14 m tiefe Bohrung in einem 2,40 m tiefen Grabungsbereich, dass der Ayasoluk sehr steil ins Meer abfiel. Schiffe hätten auch hier gut ankern können.

 

 - Geoarchäologische Untersuchungen zum Koressos-Hafen

An der Nordseite des Panayırdağ befindet sich der sog. Koressos-Hafen der ionischen Griechen. Die seit Sommer 2012 laufenden Untersuchungen sollen einen genaueren Verlauf der Küstenlinie und der Größe des Hafens ergeben.

 

- Geoarchäologische Untersuchungen zum römischen Hafenbecken von Ephesos sowie zur Lage spätrömischer und byzantinischer Häfen

Im Zuge der stets andauernden westwärts gerichteten Strandverschiebung aufgrund des Deltavorbaus mussten Hafenanlagen wiederholt verlegt werden, um Handelsschiffen die Zufahrt zu ermöglichen. In dem im Spätsommer 2011 fast trocken gefallenen römischen Hafenbecken und im westlich gelegenen Bereich konnten mehrere Bohrungen abgeteuft werden, die dessen Entwicklung und Verlandung klären sollen. Aufgrund der fortschreitenden  Verlandung wurde zwischen dem römischen Hafenbecken und dem offenem Meer ein künstlicher Kanal angelegt. Die geoarchäologischen Studien an der Hafennekropole und am Übergang des Hafenbeckens zum Hafenkanal werden es ermöglichen, die Entwicklung des Hafenkanals, sein genaues Alter und den Verlandungsprozess zu rekonstruieren. Am Ausgang des Arvalya-Tals und südwestlich des Çanakgöl wurden Bohrungen abgeteuft, um die Möglichkeit für eine maximale Ausdehnung der ehemaligen Küstenlinie zu ermitteln und geeignete Hafenbuchten in spätrömischer und byzantinischer Zeit zu sondieren. Am Çanakgöl konnte ein spätbyzantinischer Hafen lokalisiert werden, im Arvalya-Tal hingegen nur eine daher ungeeignete Meeresbucht.

 

In der Verlängerung des Hafenkanals nach Westen hin im alten Flussbett des Küçük Menderes erfolgten mehrere Transekte über den Fluss hinweg. Die Analyse der gewonnenen Bohrkerne hilft, die Entwicklungsgeschichte und paläogeografische Situation des Kanals in diesem Bereich zu klären. Er verband einst den byzantinischen Hafen von Ephesos mit dem Meer. Westlich des in der Landschaft noch heute deutlich sichtbaren antiken Hafenkanals verläuft er auf einer Länge von 3 km bis zur heutigen Küste.

 

- Paläogeografische Untersuchungen von ehemaligen Restseen am Nordrand des Küçük Menderes-Tals und in den Sümpfen von Belevi

Verlandete Seen am Nordrand des Küçük Menderes-Tals und die sich ca. 12 km weiter landeinwärts befindenden Sümpfe von Belevi eignen sich ausgezeichnet als Geo-Bioarchive zur Entschlüsselung der Vegetations- und Klimageschichte der Ephesia. Die aus den Restseen Akgöl, Cevasir Gölu und Gümudekgöl gewonnenen Bohrkerne werden derzeit paläoökologisch untersucht.

 

 

Projektdauer

Seit Juli 2009

   

Finanzierung

ÖAI und Universität zu Köln

   

Kooperationen

Archäologie:

PD Dr. Sabine Ladstätter (ÖAI)

Dr. Barbara Horejs (Çukuriçi Höyük, ÖAW)

PD Dr. Martin Steskal (Hafenkanal Ephesos, ÖAI)

PD Dr. Michael Kerschner (Artemision, ÖAI)

 

Naturwissenschaften:

Dr. Maria Knipping (Pollenanalyse, Universität Hohenheim)

PD Dr. P. Frenzel (Ostrakodenanalyse, Universität Jena)

Prof. Dr. J. C. Kraft (Geoarchäologie und Geologie, University Delaware, USA)

Prof. Dr. İ. Kayan (Geoarchäologie, Universität Izmir)

   

Literatur (Auswahl)

  • J. C. Kraft – İ. Kayan – H. Brückner – G. Rapp, A geological analysis of ancient landscapes and the harbors of Ephesus and the Artemision in Anatolia, ÖJh 69, 2000, 175–232.
  • J. C. Kraft – İ. Kayan – H. Brückner, The geological and paleogeographical environs of the Artemision, in: U. Muss (Hrsg.), Der Kosmos der Artemis von Ephesos, SoSchrÖAI 37 (Wien 2001) 123–133.
  • H. Brückner, Holocene shoreline displacements and their consequences for human societies: the example of Ephesus in Western Turkey, Zeitschrift f. Geomorphologie N. F., Suppl. 137 (Berlin 2005, 11–22).
  • H. Brückner – J. C. Kraft – İ. Kayan, The sea under the city of ancient Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 147–156.
  • J. C. Kraft – H. Brückner – İ. Kayan – H. Engelmann, The geographies of ancient Ephesus and the Artemision in Anatolia, Geoarchaeology, 22/1, 2007, 121–149.
  • H. Brückner – J. C. Kraft – İ. Kayan, Vom Meer umspült, vom Fluss begraben – zur Paläogeographie des Artemisions, in: U. Muss (Hrsg.), Die Archäologie der ephesischen Artemis. Gestalt und Ritual eines Heiligtums (Wien 2008) 21–31.
  • H. Brückner – R. Gerlach, Geoarchäologie – von der Vergangenheit in die Zukunft, in: H. Gebhardt u. a. (Hrsg.), Geographie - Physische Geographie und Humangeographie (Heidelberg 2011) 1179–1186.

   

Kontakt

Prof. Dr. Helmut Brückner

Dipl.-Geografin Friederike Stock

Geographisches Institut

Universität zu Köln

Albertus-Magnus-Platz

D-50923 Köln