Skulpturenforschung in Ephesos

Projektziel

Das langjährige Projekt »Skulpturen von Ephesos« eröffnet die Chance, die Fülle der Bildwerke einer antiken Stadt im Laufe der Jahrhunderte − am Höhepunkt ihrer Existenz Provinzhauptstadt des Römischen Reiches und eines der wichtigsten Zentren der Repräsentationskunst in der Spätantike (4.–6. Jh. n. Chr.) − in ihren vielfältigen Aspekten zu studieren sowie der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ziel ist die Dokumentation aller Skulpturen sowie die möglichst umfassende Publikation der Bildwerke unter verschiedensten Gesichtspunkten. Aufgrund der Forschungsgeschichte von Ephesos verteilen sich die Bildwerke heute auf fünf Museen in drei Ländern – dies bedingt die Durchführung des Projekts als Teamarbeit und in Kooperation mit den Museen in der Türkei, in Wien und in London.

 

Methode

Grundlage für die Erforschung der Denkmäler ist einerseits die Sammlung aller Informationen zu den Bildwerken in den Archiven des ÖAI und der Museen sowie in der Sekundärliteratur, andererseits die Autopsie der Bildwerke und ihre wissenschaftliche Aufnahme. Methodisch gesehen geht das Projekt zunächst von einem zweifachen Forschungsansatz aus. Der erste konzentriert sich auf Gattungen von Bildwerken, bemüht sich um die Zusammenstellung von ikonografischen Gruppen und chronologischen Reihen und zielt auf die Untersuchung der Komplexe ›Identität und Abhängigkeit‹ (Porträts) und ›Produktion und Handel‹ (Sarkophage) ab. Der zweite Ansatz betrifft die Interpretation der Skulpturenprogramme von öffentlichen und privaten Bauten sowie ganzer Areale der Stadt und betrachtet die Skulpturen somit primär in ihrem Kontext, ausgehend von ihrem Aufstellungsort, den Bildträgern und in Verbindung mit der gesamten archäologisch-epigrafischen Evidenz. Fundortpläne zu den einzelnen Bauwerken und Arealen bilden die Basis für die Scheidung der verschiedenen Ausstattungsphasen. Im Rahmen des Komplexes ›Produktion und Handel‹ wurden in einem interdisziplinären Projekt zur Herkunft weißer, nicht dolomitischer Marmore die Steinbrüche in und um Ephesos sowie ausgewählte Skulpturen beprobt und petrografisch sowie mit Isotopenanalyse untersucht.

 

Stand der Bearbeitung und Ergebnisse

Die Grundlage für das Projekt wurde durch die Dokumentationsarbeit von M. Aurenhammer gelegt. Seit 1995 wird das Projekt, mit jahrelanger Unterstützung des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, in Teamarbeit durchgeführt. In mehreren Teilprojekten wurden die Gattungen der Porträts, der Hermen und der Sarkophage bearbeitet sowie die Ausstattungen der Hanghäuser und mehrerer öffentlicher Bauten interpretiert (Bouleuterion, Nymphäum des C. Laecanius Bassus, Vedius- und Ostgymnasium). Das Publikationsprogramm bezüglich der Hanghäuser ist am Institut für Kulturgeschichte der Antike an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beheimatet (Skulpturen aus dem Hanghaus 2: E. Rathmayr und E. Christof).

 

Derzeit liegt der Fokus der Arbeiten auf dem Abschluss mehrerer Publikationen, die in den »Forschungen in Ephesos« erscheinen werden: »Der Prunkbrunnen des Laecanius Bassus« und die »Skulpturen des Vedius- und Ostgymnasiums« sind in Druckvorbereitung bzw. stehen vor ihrem Abschluss. Die in internationaler Kooperation erarbeiteten Publikationsvorbereitungen zu den Porträts und den attischen Sarkophagen stehen ebenfalls vor ihrer Fertigstellung. In Arbeit befinden sich Studien zur Ausstattung des Theaters und nach den attischen Sarkophagen wird auch der große Komplex der übrigen Sarkophage aus Ephesos fertig bearbeitet werden.

 

Exemplarisch seien hier die Ergebnisse zweier Projekte herausgegriffen. Im Rahmen der Monografie, die ein Autorenkollektiv unter der Leitung von M. Aurenhammer zum Nymphäum des C. Laecanius Bassus, des frühesten Fassadennymphäums in Kleinasien, vorbereitet, gelang E. Rathmayr eine Rekonstruktion der Ausstattung der Hauptfassade, deren Programm einen Meeresthiasos zeigte, sowie der Nachweis, dass die originale Ausstattung bis in die Spätantike zu sehen war. Unter Berücksichtigung der Bau- und Baseninschriften von Nymphäen im Osten des Römischen Reiches konnte zudem nachgewiesen werden, dass mit der Aufstellung von Kaiserstatuen in diesen Bauten erst unter Domitian zu rechnen ist; im Bassus-Nymphäum gehörte keine Kaiserstatue zur Ausstattung.

 

Sorgfältige Auswertung der Grabungsdokumentation am ÖAI sowie die partielle Bauaufnahme des Ostgymnasiums (A. Leung) führten J. Auinger zu neuen Rekonstruktionen der Ausstattung der Exedren des Vedius- und des Ostgymnasiums sowie zur Scheidung der primären von der spätantiken Ausstattung. Außerdem konnte sie frühere Interpretationen dieser Exedren (›Kaisersäle‹) revidieren.

 

Aufgrund der Materialfülle ist die Bearbeitung der Skulpturenfunde, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Theater angesammelt hatten, eine besondere Herausforderung. Seit 2005 wurde ein Großteil der freiplastischen Denkmäler in Selçuk und London aufgenommen. 2009 wurde, in einer Kooperation mit der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums, mit der Aufnahme des Eroten- und Satyrfrieses begonnen. Dessen zahlreiche Fragmente befinden sich im British Museum, vor allem aber in Wien. Um ihre Zusammensetzung hatten sich schon R. Heberdey und F. Eichler bemüht, abgesehen von einem kurzen Artikel F. Eichlers ist der Fries aber nicht publiziert. Thema des qualitätvollen und durch inhaltliche Vielfalt bestechenden Frieses sind gelagerte Satyrn und Szenen jagender Eroten in einer sakralen Landschaft. Eine Monografie zu dem Fries ist in Vorbereitung.

 

Schließlich nahm A. Landskron in den Jahren 2008 und 2009 den reliefverzierten Altar des Domitianstempels für die Publikation auf: die im Efes Müzesi Selçuk ausgestellte östliche Hälfte des Altars, die bei den Grabungen unter J. Keil auf der Tempelterrasse angetroffen worden war, sowie die an der ›Theaterstraße‹ in einem byzantinischen Brunnen verbauten, noch in situ befindlichen Fragmente.

 

Ausblick

Die weit fortgeschrittene Dokumentation der ephesischen Skulpturen und das Bearbeitungsstadium der Ausstattungsprogramme mehrerer Bauten sowie zweier wichtiger Gattungen erlauben nun, die ephesischen Bildwerke in einem weiteren Blickwinkel bzw. unter verschiedensten Gesichtspunkten zu betrachten. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellen zwei Studien zum Umgang der spätantiken Stadt mit ihrem kulturellen Erbe dar (J. Auinger – E. Rathmayr, Zur spätantiken Statuenausstattung der Thermen und Nymphäen in Ephesos, in: F. A. Bauer – C. Witschel [Hrsg.], Statuen in der Spätantike [Wiesbaden 2007] 237–269 sowie M. Aurenhammer – A. Sokolicek, The Remains of the Centuries: Hellenistic and Roman Imperial Sculpture and Statue Bases from Ephesus. The Evidence of the Upper Agora, in: O. Dally - C. Ratté [Hrsg.], Archaeology and the Cities of Asia Minor in Late Antiquity, Klesey Museum Publication 6 [Ann Arbor, MI 2011] 43–66). Die Herausarbeitung von Zeithorizonten und wechselnden ›Skulpturenlandschaften‹ im Stadtbild bieten sich als Themen an. Auch in übergreifenden kulturgeschichtlichen Fragestellungen, beispielsweise jenen zur Identität der Stadt im Spiegel verschiedenster Quellen und Medien oder zum Komplex ›Kult und Religion‹, spielen Skulpturen aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionen eine wichtige Rolle. Schließlich ist auf den Themenbereich ›Werkstätten, Produktion und Handel‹ hinzuweisen, der anhand der Skulpturen aus Ephesos erst partiell und ansatzweise behandelt worden ist.

 

 

Finanzierung

1988–2008: FWF

ÖAI

 

 

Kooperationen

 

 

Literatur in Auswahl (ab 2005)

  • M. Aurenhammer, Ein augusteisches Spenderelief aus dem sog. Odeionkanal in Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 45–50.
  • J. Auinger, Eine vergessene spätantike Plinthe aus Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 39–44.
  • E. Rathmayr, Skulpturen aus buntem Stein aus dem Hanghaus 2 in Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 279–285.
  • E. Rathmayr, Skulpturen, in: H. Thür (Hrsg.), Das Hanghaus 2 in Ephesos. Wohneinheit 4. Baubefund, Ausstattung, Funde, FiE 8, 6 (Wien 2005) 207–229.
  • J. Auinger − A. Sokolicek, Ein späthellenistisches Grabrelief aus der Nekropole vom Ostabhang des Panayirdağ, ÖJh 75, 2006, 299–314.
  • E. Rathmayr, Götter- und Kaiserkult im privaten Wohnbereich anhand von Skulpturen aus dem Hanghaus 2 in Ephesos, RömHistMitt 48, 2006, 103–133.
  • M. Aurenhammer, The Sculptures, in: F. Krinzinger (Hrsg.), Ephesos. Architecture, Monuments and Sculpture (Istanbul 2007) 173–184.
  • J. Auinger − E. Rathmayr, Zur spätantiken Statuenausstattung der Thermen und Nymphäen in Ephesos, in: F. A. Bauer − C. Witschel (Hrsg.), Statuen in der Spätantike (Wiesbaden 2007) 237–269.
  • E. Rathmayr, Die Skulpturenausstattung des C. Laecanius Bassus – Nymphäum in Ephesos, Forum Archaeologiae 48/IX/2008
  • M. Aurenhammer, Funde aus Marmor: Skulptur und Mobiliar, in: U. Quatember u. a., Die Grabung des Jahres 2005 beim Nymphäum Traiani in Ephesos, ÖJh 77, 2008, 322–330.
  • J. Auinger, Zum Umgang mit Statuen hoher Würdenträger in spätantiker und nachantiker Zeit entlang der Kuretenstraße in Ephesos, in: S. Ladstätter (Hrsg.), Neue Forschungen zur Kuretenstraße von Ephesos. DenkschrWien 382 = AForsch 15 (Wien 2009) 29–52.
  • E. Rathmayr, Das Haus des Ritters C. Flavius Furius Aptus. Beobachtungen zur Einflussnahme von Hausbesitzern an Architektur und Ausstattung in der Wohneinheit 6 des Hanghauses 2 in Ephesos, IstMitt 59, 2009, 307–336.
  • E. Rathmayr, Skulpturen, in: F. Krinzinger (Hrsg.), Hanghaus 2 in Ephesos. Die Wohneinheiten 1 und 2. Baubefunde, Ausstattung, Funde, FiE 8, 8 (Wien 2010) Textband Wohneinheit 1, 333–342.
  • E. Christof, Skulpturen, in: F. Krinzinger (Hrsg.), Hanghaus 2 in Ephesos. Die Wohneinheiten 1 und 2. Baubefunde, Ausstattung, Funde, FiE 8, 8 (Wien 2010) Textband Wohneinheit 2, 656–676.
  • J. Auinger – M. Aurenhammer, Ephesische Skulptur am Ende der Antike, in: F. Daim − J. Drauschke (Hrsg.), Byzanz − das Römerreich im Mittelalter Teil 2, 2, Monographien des RGZM 84, 2, 2 (Mainz 2010) 663–696.
  • E. Rathmayr, Die Präsenz des Androklos in Ephesos, AnzWien 145, 2010, 19–60.
  • J. Auinger, Kaisersaal versus ›Kaisersaal‹. Zur Funktion der ›Kaisersäle‹ in ephesischen Thermen, in: F. D’Andria – I. Romeo (Hrsg.), Roman Sculpture in Asia Minor. Proceedings of the International Conference 2007 in Cavallino (Lecce), JRA Suppl. 80 (Portsmouth, RI 2011) 117–129.
  • M. Aurenhammer, Late Hellenistic and Early Roman Imperial Portraits from Ephesos, in: F. D’Andria – I. Romeo (Hrsg.), Roman Sculpture in Asia Minor, JRA Suppl. 80 (Portsmouth, RI 2011) 101–115.
  • E. Rathmayr, Die Skulpturenausstattung des C. Laecanius Bassus Nymphaeum in Ephesos, in: F. D’Andria – I. Romeo (Hrsg.), Roman Sculpture in Asia Minor, JRA Suppl. 80 (Portsmouth, RI 2011) 130–149.
  • M. Aurenhammer – T. Opper, The Sculptures found in the Bouleuterion and the Sculptural Program of the Vedius Scaenae Frons, in: L. Bier (†), The Bouleuterion at Ephesos, FiE 9, 5 (Wien 2011) 99–113.
  • M. Aurenhammer – A. Sokolicek, The Remains of the Centuries. Sculptures and Statue Bases in Late Antique Ephesus. The Evidence of the Upper Agora, in: O. Dally – C. Ratté (Hrsg.), Archaeology and the Cities of Asia Minor in Late Antiquity, Kelsey Museum Publication 6 (Ann Arbor, MI 2011) 43–66.
  • J. Auinger, The Sculptural Decoration of Ephesian Bath Buildings in Late Antiquity, in: O. Dally – C. Ratté (Hrsg.), Archaeology and the Cities of Asia Minor in Late Antiquity, Kelsey Museum Publication 6 (Ann Arbor, MI 2011) 67–79.

 

 

Kontakt

Maria Aurenhammer