Projekte: Geografische Übersicht

Forschungen in Tell el-Dab’a

In den mehr als 40 Jahren ihres Bestehens hat sich die Zweigstelle Kairo zu einem führenden Forschungsinstitut entwickelt und eine herausragende Positionierung innerhalb der Archäologie in Ägypten und dem Mittelmeerraum erworben. Ein Hauptprojekt der Zweigstelle Kairo ist die Grabung Tell el-Dab‘a im östlichen Nildelta, ca. 120 km nordöstlich von Kairo.

 

Erforschen der Flussarme und Rekonstruktion der Landschaft/Hafenprojekt

Die in den vergangenen Saisonen durch geophysikalische Surveys erfolgten Messungen an der Nord-, West- und Ostgrenze von Avaris gaben Aufschluss über die Ausdehnungen der Stadt. Beim südlichen Verlauf hingegen ist noch nicht klar, ob es sich um das Ende der Stadt oder nur einen kleineren Nilarm handelt. In den nächsten Jahren soll dies durch den vermehrten Einsatz von Widerstandsmessungen – diese Methode erwies sich als ideal zum Feststellen der Nilarme – geklärt werden. Dabei handelt es sich um eine Kooperation mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Thomas Herbich). Ebenfalls in dieses Projekt involviert sind die Universität Lyon 2  (Hervé Tronchère) sowie CNRS (Jean-Philippe Goiran), welche das initiierte Hafenprojekt zur Erforschung des pelusischen Nilarms mittels Bohrungen fortsetzen werden.

 

Basierend auf den bis jetzt vor allem durch Magnetometersurveys ermittelten Daten soll ein 3-D-Modell erstellt werden. Projektziel ist nicht nur eine virtuelle historische Rekonstruktion des Platzes, sondern auch eine Aufnahme des modernen Ist-Zustandes, da dieser durch verschiedene Tätigkeiten massiv bedroht ist.

 

Schwerpunkt Spätzeit – Ausgrabungen im Areal A/II

Im Rahmen der Dissertation von Manuela Lehmann wurden beginnend ab 2009 die Arbeiten im Tell-Areal A/II wieder aufgenommen. Dabei konnte eine 27. Dynastie (perserzeitliche) Wohnanlage freigelegt werden, worunter sich ebenfalls Magazine des großen Seth-Tempels befinden. Desgleichen brachte die Grabungsfläche ältere altbabylonische Funde hervor, so etwa einen Siegelabdruck in akkadischer (altbabylonischer) Schrift mit dem Namen eines hohen Beamten. Die Arbeiten in A/II sollen mit einer weiteren Spätzeitgrabung fortgeführt werden, anhand welcher die exakten stratigrafischen Verhältnisse geklärt werden sollen.

 

Strukturen und Organisation der Stadt Avaris

Der Schwerpunkt der nächsten Jahre verlagert sich von Grabungen in Palästen auf echte Siedlungsarchäologie, das heißt, dass urbanistische Überlegungen im Vordergrund stehen. Die Grundlage dafür bietet der auf Basis der Magnetik erstellte Übersichtsplan von Tell el Dab‘a. Die Grabung, die im Herbst 2010 in Ezbet Rushdi begonnen wurde, wird 2011 fortgesetzt. Bei diesem Areal handelt es sich um eine überaus interessante Stelle der Stadt, und die ursprüngliche Annahme, es seien Wohnhäuser der späteren Zweiten Zwischenzeit mit Gräbern, musste im Zuge der Herbstkampagne 2010 überraschend revidiert werden: Vielmehr handelt es sich um eine weitläufige Anlage mit einer Ausdehnung von mindestens 700 m², angeordnet in Raumgruppen mit massiven Mauern – für manche Teile ist sogar ein Obergeschoss anzunehmen – und Höfen. In den Höfen konnten Speicheranlagen und Öfen festgestellt werden. Die Funktion dieser Anlage oder Stadtteils konnte noch nicht endgültig bestimmt werden: Möglicherweise handelt es sich um ein Verwaltungsgebäude (›Installation/Domäne‹) oder um eine Wirtschaftsanlage, worauf auch die große Anzahl der gefundenen Siegelabdrücke hinweisen würde.

 

Der Palastbezirk der 15. Dynastie – Areal F/II 

Dieser Palastbezirk wurde im Rahmen einer geophysikalischen Prospektion in den Jahren 2003 und 2005 entdeckt. 2003 wurde die Ecke eines Gebäudes monumentaler Proportionen auf dem Messbild erkannt. Wegen der Unzugänglichkeit der Felder – das Gebiet liegt im Agrarland – konnte der Grundriss erst 2005 in zwei Kampagnen vervollständigt werden.

Seit 2006 unternimmt die Zweigstelle Kairo des ÖAI archäologische Ausgrabungen in diesem Areal (Kampagne 2006, 2008 und 2009 unter der gemeinsamen Leitung von Manfred Bietak und Irene Forstner-Müller, 2011 unter der Leitung von Manfred Bietak, 2013 unter der Leitung von Irene Forstner-Müller). Im Verlauf dieser Untersuchungen wurden Teile einer palatialen Anlage freigelegt, die sich über eine Fläche von ca. 10.500 m² erstreckt. Die Aufarbeitung erfolgt in Kooperation mit dem Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

  

Die Orientierung des Gebäudes (Nordost-Südwest) entspricht jener des tuthmosidischen Palasts G in ‘Ezbet Helmi. Die Anlage besteht aus einem weiträumigen Komplex miteinander verbundener Höfe und Räume. Bei letzteren handelt es sich vermutlich um Magazine, deren große Anzahl auf eine offizielle Funktion des Gebäudes deutet – eine Interpretation des Grundrisses als palatiale Anlage liegt nahe. Der Haupteingang im Nordosten führte zum Haupttrakt der Anlage, nordwestlich und südöstlich davon erstreckte sich jeweils ein Nebentrakt. In Architektur und materieller Kultur sind sowohl ägyptische als auch vorderasiatische Elemente fassbar.

Die Anlage war vermutlich seit Mitte der 15. Dynastie in Verwendung, wobei mindestens zwei Subphasen anzunehmen sind. Der Zeitpunkt der Aufgabe des Komplexes ist nicht klar. Mehrere Siegelabdrücke mit dem Namen Chajans, eines Herrschers der 15. Dynastie, wurden in Areal F/II gefunden. Bei ihnen handelt es sich aber um umgelagerte ältere Siegelabdrücke, die keinesfalls die Datierung des Palasts in die Regierungszeit dieses Königs gestatten, sondern vielmehr als terminus post quem für dessen Errichtung zu betrachten sind. Dies umsomehr, als Siegelabdrücke Chajans auch in Schichten der frühen 15. Dynastie in Areal R/III von Tell el-Dab’a gefunden wurden.

 

Schwerpunkt der Frühjahrskampagne 2013 war die Untersuchung des südwestlichen Bereichs des zentralen Hofs, der nordöstliche Bereich war bereits zuvor untersucht worden. Der 40 × 10 m große Schnitt reichte von der östlichen Hofbegrenzungsmauer bis über die westliche Hofbegrenzungsmauer hinaus. Die Tatsache, dass archäologische Schichten erst ca. 60 cm unter der modernen Ackeroberfläche angetroffen wurden, zeigt, dass dieses Areal im Gegensatz zu anderen Bereichen in Tell el-Dab‘a/Avaris nicht unmittelbar durch moderne Landwirtschaft oder Bautätigkeit bedroht ist. Im Hofbereich konnten mehrere übereinanderliegende Originalfußböden aus Lehm festgestellt werden. Sie wurden an manchen Stellen von dichten Ablagerungsschichten aus Keramik, Siegelabdrucken, Silices und Steinfragmenten überlagert.

Der Hauptanteil der Steinfragmente bestand aus Kalksteinfragmenten und -splittern, daneben fanden sich auch Fragmente aus Granit, Sandstein und Obsidian. Bei diesen Schichten handelt es sich vermutlich um Müllschichten, die nach dem Auflassen des Komplexes eingebracht wurden. Der Hof war im Westen durch eine ursprünglich mindestens 1,6 m breite Umfassungsmauer aus dunkelgrauen Schlammziegeln begrenzt, die vor allem im Nordosten stark zerstört ist. Eine Öffnung oder Tür zum Außenbereich der Anlage ist nicht zu erkennen. Südwestlich des mittleren Hofs erstreckte sich vermutlich bereits in der Nutzungsphase der Anlage eine unverbaute Fläche. Der Abdruck eines völlig verwitterten kleinen Baumes waren an der Oberfläche zu erkennen, eine Datierung ist aufgrund der geringen organischen Reste jedoch nicht möglich.

Die westliche Umfassungsmauer des Hofs wurde durch eine Grube mit einem Rinderskelett gestört. Solcherart deponierte Rinderskelette sind aus dem Areal F/II und anderen Teilen Tell el-Dab‘as gut belegt. Die ursprünglich vorgeschlagene Datierung dieser Skelette in die späte 18. Dynastie ist allerdings fraglich, da bislang kein datierbares Material mit diesen Befunden vergesellschaftet war.

 

Bericht über die Grabungen 2012

 

 

Kooperationen


 

Kontakt

Irene Forstner-Müller