Ephesos in vorhellenistischer Zeit

Siedlungsgeschichte von der Spätbronzezeit bis zur Neugründung der Stadt durch Lysimachos

Das Artemision in vorhellenistischer Zeit

 

Siedlungsgeschichte von der Spätbronzezeit bis zur Neugründung der Stadt durch Lysimachos

 

Als König Lysimachos am Beginn des 3. Jhs. v. Chr. Ephesos an der Stelle der heutigen Ruinenstätte in der Senke zwischen den Bergen Panayırdağ und Bülbüldağ neu gründete, hatte die Stadt bereits eine jahrhundertelange Geschichte hinter sich. Wo jedoch die Ephesier in den Jahrhunderten zuvor wohnten, darüber geben die antiken Autoren nur spärliche und zum Teil widersprüchliche Auskünfte. Auch die bisherigen archäologischen Ausgrabungen erbrachten nur einige wenige Anhaltspunkte zur vorhellenistischen Siedlungsgeschichte.

 

Ziel dieses Projekts ist es, durch systematische archäologische und interdisziplinäre Untersuchungen Lage, Ausdehnung, Struktur und Chronologie der Siedlungen im Bereich von Ephesos von der Spätbronzezeit bis in die klassische Epoche zu erforschen. Mithilfe gezielter stratigrafischer Sondagen sollen Siedlungsfolge und Chronologie an topographischen Schlüsselstellen geklärt werden. Surveys und geophysikalische Prospektion werden zur Erforschung von Ausdehnung und Struktur der Siedlungen angewandt. In der Schwemmebene zwischen Ayasoluk und Panayırdağ, wo die Verschüttungshöhe der vorhellenistischen Befunde mehrere Meter beträgt, können paläogeografische Bohrungen Aufschlüsse über diese Fragen bringen. Darüber hinaus erlauben sie die Lokalisierung und Datierung der Küstenlinie und der Häfen, deren sukzessive Verlandung ein wesentlicher Faktor bei der Verlagerung der Siedlungen in Ephesos war.

 

Seit 2008 konzentrieren sich die Forschungen auf eine ca. 50 m hoch gelegene Felsterrasse an der Nordostseite des Panayırdağ, die außerhalb der ummauerten hellenistisch-kaiserzeitlichen Stadt lag. Anknüpfend an Suchschnitte, in denen Franz Miltner 1926 eine vorhellenistische Befestigungsmauer an der Nordkante der Terrasse entdeckt hatte, konnten 2008/2009 Verlauf und Datierung der Anlage geklärt werden. Für die ältere Bauphase ließ sich anhand der Stratigrafie ein Terminus post quem um 500 v. Chr. ermitteln. Damit handelt es sich um die älteste bisher aus Ephesos bekannte Stadtmauer. Durch Geländebegehungen gelang es in der Kampagne 2009, auch die Ost-, Süd- und Westseite der Befestigung nachzuweisen und zu vermessen. Sie umschreibt ein Rechteck von ca. 9 ha ummauerter Fläche.

 

Während Josef Keil und Franz Miltner die Befestigungsmauer für den Überrest einer ›Art Fluchtburg‹ hielten, konnten in der Grabung 2009 auf der Hauptterrasse Reste von Wohnhäusern aus dem späten 4./frühen 3. Jh. v. Chr. freigelegt werden. Diese wurden aufgegeben, als die Bewohner in die von Lysimachos neuangelegte Stadt auf der entgegen gesetzten Seite des Panayırdağ zogen. Die bisher ältesten Bau- und Schichtbefunde reichen bis in das ausgehende 6. Jh. v. Chr. zurück. Die ältesten Keramikfunde belegen eine Nutzung der Nordostterrasse ab der zweiten Hälfte des 8. Jhs. v. Chr.

 

An ihrer Nordostecke bildet die Stadtmauer über einem steilen Felsabfall eine Bastion aus. Unmittelbar davor wurde 2009 auf einer schmalen, zerklüfteten Felsterrasse ein bisher unbekannter Teil des Heiligtums der Göttin Meter entdeckt, der in das 3. Jh. v. Chr. datiert werden kann. Dort fanden sich insgesamt zehn ganz erhaltene Marmorreliefs mit der Darstellung der Göttin Meter; vier davon wurden noch in ihrer ursprünglichen Aufstellungssituation angetroffen.

 

 

Projektbeginn

Juli 2008

 

Finanzierung

ÖAI

 

Kooperationen:

 

 

Literatur

  • O. Benndorf, Zur Ortskunde und Stadtgeschichte, in: O. Benndorf (Hrsg.), FiE 1 (Wien 1906) 9–110.
  • J. Keil, XII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 23, 1926, 247–300.
  • M. Büyükkolancı, Excavations on Ayasuluk Hill in Selçuk/Turkey. A Contribution to the Early History of Ephesus, in: F. Krinzinger (Hrsg.), Die Ägäis und das westliche Mittelmeer. Beziehungen und Wechselwirkungen 8. bis 5. Jh. v. Chr., Akten des Symposions Wien 24.-27. März 1999, AForsch 4 = DenkschrWien 288 (Wien 2000) 39–43.
  • J. C. Kraft – İ. Kayan – H. Brückner – G. (R.) Rapp, Jr., A Geological Analysis of Ancient Landscapes and the Harbors of Ephesus and the Artemision in Anatolia, ÖJh 69, 2000, 175–233.
  • P. Scherrer – E. Trinkl, Die Tetragonos Agora in Ephesos. Grabungsergebnisse von archaischer bis in byzantinische Zeit – Ein Überblick. Befunde und Funde klassischer Zeit, FiE 13, 2 (Wien 2006).
  • M. Kerschner, Die Ionische Wanderung im Lichte neuer archäologischer Forschungen in Ephesos, in: E. Olshausen – H. Sonnabend (Hrsg.), »Troianer sind wir gewesen« – Migrationen in der antiken Welt, Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 8, 2002, Geographica Historica 21 (Stuttgart 2006) 364–382.
  • M. Kerschner – I. Kowalleck – M. Steskal, Archäologische Forschungen zur Siedlungsgeschichte von Ephesos in geometrischer, archaischer und klassischer Zeit. Grabungsbefunde und Keramikfunde aus dem Bereich von Koressos, ErghÖJh 9 (Wien 2008).

 

 

Kontakt

Michael Kerschner

 

 

Das Artemision in vorhellenistischer Zeit

 

Das Artemision ist das wichtigste Heiligtum der Polis Ephesos und als solches untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Der gewaltige, über 100 m lange Dipteros des 4. Jhs. v. Chr. wurde von den antiken Autoren zu den sieben Weltwundern gezählt. Sein Vorgänger, der vom lydischen König Kroisos mitfinanzierte erste Marmortempel, der im zweiten Viertel des 6. Jhs. v. Chr. begonnen worden war, war nur wenig kleiner und von weitgehend gleichem Grundriss. Dieser nach seinem Stifter ›Kroisos-Tempel‹ genannte, erste Dipteros überbaute die Überreste des frühesten Heiligtums, dessen Bauten, Schichten und Deponierungen auf diese Weise vor späteren Eingriffen geschützt waren. Auf diese Weise hat sich der erste Tempel der Artemis, der im zweiten Viertel des 7. Jhs. v. Chr. entstand und damit zu den ältesten Peripteraltempeln der griechischen Architektur zählt, erstaunlich gut erhalten. Die günstige Konservierungssituation der geometrischen und früharchaischen Straten im Artemision ermöglicht es, durch eine Auswertung der Fundkontexte Einblicke in das Kultgeschehen eines bedeutenden frühgriechischen Heiligtums zu gewinnen.

 

Die in den Grabungen des ÖAI unter Leitung von A. Bammer 1965–1994 freigelegten Schicht- und Baubefunde sowie die Funde an Votiven und Kultgerät sind Inhalt des laufenden Aufarbeitungs- und Publikationsprogramms. Der überwiegende Teil der Befunde stammt aus der zweiten Hälfte des 8. und aus dem 7. Jh. v. Chr., als das Artemision eine erste Blüte erlebte. Die ältesten Schichtbefunde jedoch gehören bereits der Frühphase des Heiligtums in der protogeometrischen Epoche (spätes 11./10. Jh. v. Chr.) an.

 

Im Mittelpunkt der Aufarbeitung steht die kontextuelle Vorlage von Stratigrafie und Keramikfunden an Schlüsselstellen des Heiligtums, die für das Verständnis der Entwicklung des Temenos und seiner Bauten von zentraler Bedeutung sind und/oder durch eine intentionale Deponierungssituation Rückschlüsse auf das Kultgeschehen zulassen.

 

    1. Der protogeometrische Fundkomplex im zentralen Sekos: Michael Kerschner
    2. Die Grabungen im zentralen und östlichen Sekos: Michael Kerschner
    3. Die Grabungen im westlichen Sekos, mit besonderer Berücksichtigung des stratigrafischen Zusammenhangs zwischen den Ausgrabungen von D. G. Hogarth (1904/1905) und A. Bammer (1987/1990): Dyfri Williams
    4. Klassische Fundkontexte aus dem Altarbereich: Ireen Kowalleck

 

Parallel zur kontextuellen Aufarbeitung läuft eine Reihe von Studien zu bestimmten Fundgattungen, deren spezifische Fragestellungen am besten in einer monografischen Untersuchung behandelt werden können:

 

  1. Mykenische Keramikfunde: Birgitta Eder – Michael Kerschner
  2. Korinthische Importkeramik: Hülya Bulut (Muğla Üniversitesi Arkeoloji Bölümü)
  3. Attische Importkeramik und ostägäische Produktionen attisierender Keramik: Ireen Kowalleck
  4. Die westanatolische Black-on-Red-Keramik: Michael Kerschner
  5. Geräte und Waffen aus Eisen: Holger Baitinger
  6. Bernsteinobjekte: Alessandro Naso

 

Projektbeginn

Oktober 2002

 

 

Finanzierung

ÖAI

 

Kooperationen

 

 

Literatur (Auswahl)

  • J. T. Wood, Discoveries at Ephesus (London 1877).
  • D. G. Hogarth, Excavations at Ephesus. The Archaic Artemisia (London 1908).
  • A. Bammer, Das Heiligtum der Artemis von Ephesos (Graz 1984).
  • A. Gasser, Die korinthische und attische Importkeramik vom Artemision in Ephesos, FiE 12, 1 (Wien 1989).
  • D. Williams, The ›pot hoard‹ pot from the Archaic Artemision at Ephesus, BICS 38, 1991/1993, 98–103.
  • U. Muss, Die Bauplastik des archaischen Artemisions von Ephesos, SoSchrÖAI 25 (Wien 1994).
  • A. Bammer – U. Muss, Das Artemision von Ephesos. Das Weltwunder Ioniens in archaischer und klassischer Zeit, Zabern Bildbände zur Archäologie 20 (Mainz 1996).
  • M. Kerschner, Ein stratifizierter Opferkomplex des 7. Jh.s v.Chr. aus dem Artemision von Ephesos, ÖJh 66, 1997, Beibl. 85–226.
  • U. Muss (Hrsg.), Der Kosmos der Artemis von Ephesos, SoSchrÖAI 37 (Wien 2001).
  • U. Muss – A. Bammer – M. Büyükkolancı, Der Altar des Artemisions von Ephesos, FiE 12, 2 (Wien 2001).
  • M. Weißl, Grundzüge der Bau- und Schichtenfolge im Artemision von Ephesos, ÖJh 71, 2002, 313–346.
  • M. Kerschner, Stratifizierte Fundkomplexe der geometrischen und subgeometrischen Epoche aus Ephesos, in: B. Rückert – F. Kolb (Hrsg.), Probleme der Keramikchronologie des südlichen und westlichen Kleinasiens in geometrischer und archaischer Zeit. Internationales Colloquium Tübingen 24. 3.-26. 3. 1998, Antiquitas Reihe 3 Bd. 44 (Bonn 2003) 43-59.
  • M. Kerschner, Zum Kult im früheisenzeitlichen Ephesos. Interpretation eines protogeometrischen Fundkomplexes aus dem Artemisheiligtum, in: B. Schmaltz – M. Söldner (Hrsg.), Griechische Keramik im kulturellen Kontext, Akten des Internationalen Vasen-Symposions in Kiel 24.-28. 9. 2001 (Münster 2003) 246-250.
  • G. Klebinder-Gauß, Zwei bronzene Doppeläxte aus dem Artemision von Ephesos, ÖJh 72, 2003, 133–140.
  • G. Kuhn, Rezension zu: U. Muss – A. Bammer – M. Büyükkolancı, Der Altar des Artemisions von Ephesos, FiE 12, 2 (Wien 2001), GGA 255, 2003, 197–226.
  • M. Kerschner, Phrygische Keramik in griechischem Kontext. Eine Omphalosschale der Schwarz glänzenden Ware aus der sog. Zentralbasis im Artemision von Ephesos und weitere phrygische Keramikfunde in der Ostägäis, ÖJh 74, 2005, 125–149.
  • G. Forstenpointner – G. E. Weißengruber – A. Galik, Tierreste aus früheisenzeitlichen Schichten des Artemisions von Ephesos. Analyse und funktionelle Interpretation, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 85–91.
  • M. Weißl, Zur Datierung des ›Foundation-Deposit‹ aus dem Artemision von Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner – S. Ladstätter (Hrsg)., Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (Wien 2005) 363–370.
  • M. Kerschner, Lydische Weihungen in griechischen Heiligtümern, in: A. Naso (Hrsg.), Stranieri e non cittadini nei santuari greci, Atti del convegno internazionale, Studi Udinesi sul Mondo Antico 2 (Grassina 2006) 253-291.
  • A. M. Pülz- B. Bühler, Die Goldappliken aus dem Artemision von Ephesos. Studien zur Typologie und Technik, ÖJh 75, 2006, 219–235.
  • M. Kerschner, Das Keramikbild von Ephesos im 7. und 6. Jh. v. Chr., mit einem Beitrag von H. Mommsen und A. Schwedt, in: J. Cobet – V. v. Graeve – W.-D. Niemeier – K. Zimmermann (Hrsg.), Frühes Ionien. Eine Bestandsaufnahme, Panionion-Symposion Güzelçamlı 26. September – 1. Oktober 1999, MilForsch 5 (Mainz 2007) 221–242.
  • G. Klebinder-Gauß, Die Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos, FiE 12, 3 (Wien 2007).
  • A. Naso, Klinai lignee intarsiate dalla Ionia all’Europa centrale, RM 113, 2007, 9–34.
  • Ae. Ohnesorg, Der Kroisos-Tempel. Neue Forschungen zum archaischen Dipteros der Artemis von Ephesos, FiE 12, 4 (Wien 2007).
  • U. Muss (Hrsg.), Die Archäologie der ephesischen Artemis. Gestalt und Ritual eines Heiligtums (Wien 2008).
  • W. Seipel (Hrsg.), Efes Artemisionu. Bir Tanrıçanın kutsal mekânı, Ausstellungskatalog İstanbul Arkeoloji Müzeleri 22. Mayıs – 22. Eylül 2008 (Wien 2008).
  • I. Kowalleck, La ceramica attica dal santuario di Artemide ad Efeso. Nuove ricerche sullo spettro delle forme, sulla produzione attica e sulla produzione est-egea di tradizione attica, in: S. Fortunelli – C. Masseria (Hrsg.), Ceramica attica da santuari della Grecia, della Ionia e dell’Italia. Atti Convegno Internazionale Perugia 14–17 marzo 2007 (Venosa 2009) 131–142.
  • A. M. Pülz, Goldfunde aus dem Artemision von Ephesos, FiE 12, 5 (Wien 2009).
  • M. Kerschner, Approaching aspects of cult practice and ethnicity in Early Iron Age Ephesos using quantitative analysis of a Protogeometric deposit from the Artemision, in: S. Verdan – T. Theurillat – A. Kenzelmann Pfyffer (Hrsg.), Early Iron Age Pottery: A Quantitative Approach. Proceedings of the International Round Table organized by the Swiss School of Archaeology in Greece (Athens, November 28–30, 2008), BARIntSer 2254 (Oxford 2011) 19–27.
  • M. Kerschner – W. Prochaska, Die Tempel und Altäre der Artemis in Ephesos und ihre Baumaterialien. Naturwissenschaftliche Untersuchungen zur Herkunft der Marmore und ihr archäologischer Kontext, ÖJh 80, 2011, 73–154.

 

 

Kontakt

Michael Kerschner