Die Aquädukte von Ephesos

Seit 2001 erfolgt die Erforschung der ephesischen Fernwasserleitungen mit dem Ziel, alle in die Stadt führenden Aquädukte zu untersuchen, zu dokumentieren und zu publizieren. 2004 wurde das 12. internationale Symposium »Cura Aquarum in Ephesus« organisiert, um die Erforschung der ephesischen Aquädukte auf eine internationale Diskussionsbasis zu stellen, nachdem vorher der erhaltene Bestand aller Fernwasserleitungen auf Grundlage der bisherigen Publikationen begutachtet und überprüft worden war. Dabei konnten bisher unbekannte Leitungsabschnitte, Aquäduktbrücken, Tunnels, Zuleitungen und sogar zwei unbekannte Aquädukte entdeckt werden, sodass sich nun mit diesen neuen Erkenntnissen ein komplexeres Bild der Aquädukte nach Ephesos ergibt. Dieses reicht

  • vom ältesten Aquädukt aus lysimachischer Zeit (1. Hälfte 3. Jh. v. Chr.), dessen einziger Tonrohrstrang nicht länger als 1 km ist, über
  • die 8 km lange Aqua Throessitica aus dem 2. Jh. v. Chr., der kurz nach der Zeitenwende ein neuer, über eine monumentale Brücke führender Strang durch Sextilius Pollio hinzugefügt wurde, weiter über
  • den späthellenistisch/frührömischen Şirince-Aquädukt, der im 6. Jh. n. Chr. wiederverwendet wurde, um am Ende mit einer 656 m langen Talbrücke einer Druckrohrleitung die um die justinianische Johannesbasilika entstandene Siedlung zu versorgen, und
  • den Sultaniye-Aquädukt aus augusteischer Zeit mit drei Tonrohrsträngen – vermutlich die inschriftlich erwähnte Aqua Iulia und möglicherweise ein Vorgänger des Değirmendere-Aquädukts – bis zur
  • ersten Kanalleitung, dem traianischen Aristion-Aquädukt, einer 210 Stadien langen Fernwasserleitung aus dem Kaystros-Tal, die in eine künstliche Felsrinne gesetzt um das Mausoleum von Belevi herumgeleitet wurde und unter den Stufen des Stadions und Theaters bis zu dem vorläufigen Endpunkt, dem Nymphaeum Traiani an der Kuretenstraße, zog, schließlich
  • bis zur jüngsten (Mitte des 2. Jhs. n. Chr.) und längsten (40 km) Fernwasserleitung, dem Değirmendere-Aquädukt, der über 23 Brücken und 4 Tunnel in Qanatbauweise an die Rückseite des großen Stadtberges geleitet wurde, wo er im Bereich von Turm 16 der lysimachischen Mauer in die Stadt gelangte.

 

Seit 2006 konzentrierten sich die Arbeiten auf den Değirmendere-Aquädukt, der als erste Fernwasserleitung im Detail erforscht wird, da durch die Ausdehnung der Stadt Kuşadası gerade diese Leitung besonders gefährdet ist. Seit 2009 konnten die Untersuchungen dank der finanziellen Unterstützung durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projektnr. P20034-G02) intensiviert werden, wobei das Projekt an die Kadikalesı-Grabung der Ege Universität İzmir in Kuşadası angegliedert war.

 

Der Değirmendere-Aquädukt gliedert sich in drei Bereiche:

  1. Im ersten Bereich von der Quelle bis Kuşadası wurde die Leitung zum Großteil im flachen Gelände unterirdisch verlegt, sodass mit Ausnahme zweier kürzerer Stellen nur die Brücken und zwei Tunnel bekannt sind. Dieser Bereich wurde bis vor 20 Jahren noch zur Versorgung von Kuşadası genutzt. Aufgrund des schlechten Untergrunds – die Leitung wurde hier in eine Abfolge von im Meer abgelagerten Tonschichten gebaut – mussten aber die Brücken in späterer Zeit erneuert werden, zumal die römischen Konstruktionen großteils vom Regenwasser weggespült worden waren. So kann man etwa an der Başkemer-Brücke deutlich erkennen, dass sie in genuesischer Zeit (13. Jh. n. Chr.) über geringen römischen Resten erneuert wurde, um die neugegründete Festung Scala Nuova mit Wasser zu versorgen. Eine weitere Bauphase stammt aus dem Beginn des 17. Jhs., als man wieder Wasser für die von Öküz Mehmet Paşa errichtete Karwanseray nach Kuşadası leiten musste; schließlich gibt es noch eine letzte Bauperiode im 19. Jh. Die genuesische Leitung verlässt den römischen Aquädukt am Ende des Kalafat-Tunnels und wird mit wesentlich geringerem Querschnitt über eine neue Brücke, die in einem Vorort von Kuşadası noch zur Gänze erhalten ist, in die Stadt geführt, in deren Häusergewirr heute jedoch keine Reste der beiden Leitungen erhalten sind.

    Nur die Zincirlikuyu-, die Kocakelle- und die Sabancık-Brücke, die durch die Ausweitung der modernen Stadt noch nicht beseitigt wurden, sind aufgrund ihrer Bauweise und Mauerwerksstruktur als die originalen römischen Brücken zu erkennen. Bei Betrachtung des Höhenprofils des Değirmendere-Aquädukts fällt auf, dass sich die gesamte Ebene der neogenen Schichten im Bereich nach dem Kalafat-Tunnel bis zur Störungslinie bei unten angeführtem Erdbeben um maximal 8 m homogen gesenkt haben muss, ohne dass dabei die oben genannten Brücken ernsthaft beschädigt wurden – dieses Phänomen bestätigen auch die Geologen.

  2. Unmittelbar nach den letzten Häusern von Kuşadası beginnt der zweite Bereich, welcher bis zum Mezarlık-Tunnel reicht und der 2010 zumindest im Gebiet der Provinz Aydın auf einer Strecke von 10 km freigerodet, gereinigt und dokumentiert werden konnte. Hier ist die Leitung hoch über der Küste noch durchgehend in Resten erhalten und zieht weit in das Bahçecıkboğaz-Tal hinein. In dem steilen Gelände waren oft bis zu 4 m hohe Stützmauern erforderlich. Im gesamten Abschnitt sind zwei Leitungen vorhanden: Der erste Teil der Doppelleitung beginnt gleich nördlich der letzten Siedlung von Kuşadası bis zur Bahçecıkboğaz-Brücke. Hier war der Neubau der Leitung notwendig, weil bei einem Erdbeben an einer Störungslinie durch Senkung der neogenen Tonschichten die Kanalsohlen plötzlich 3 m auseinanderklafften. Es musste eine neue Leitung mit wesentlich flacherem Gefälle errichtet werden, damit diese bei der Bahçecıkboğaz-Brücke wieder in die ältere Leitung einfließen konnte. An der Südseite des Tales liegt die jüngere Leitung oberhalb der älteren, und in Fließrichtung wird die Differenz der Kanalsohlen immer kleiner. Durch das extrem niedrige Gefälle in diesem Abschnitt war die Leitung sehr störungsanfällig und musste oft repariert werden. Davon zeugen bisher sechs entdeckte Bypässe, bei denen die Leitung meist oberhalb der aufgelassenen Leitung und oft auch – um Baumaterial zu gewinnen – durch Abbruch deren talseitiger Wange errichtet wurde. Dies ist insofern eine Sensation, als die von Sextus Julius Frontinus im 1. Jh. n. Chr. in seiner Schrift »De aqueductu urbis Romae« erwähnten Umleitungen im Zuge von Reparaturen am Gerinnebett hier erstmals an einem römischen Aquädukt nachgewiesen werden können. Viele später an die talseitige Wange der Leitung angesetzte Stützpfeiler – in Abschnitt VIII.A wurden auf ca. 2 km Länge 123 solcher Pfeiler dokumentiert – zeugen ebenfalls von der Reparaturanfälligkeit des Aquädukts in diesem Bereich. 2011 konnte entdeckt werden, dass es sich bei der Bahçecıkboğaz-Brücke um einen venter (= Talbrücke) eines Siphons handelt; daher bildet dieses hochsensible Bauwerk die Schnittstelle der beiden Doppelleitungen. Denn nach dieser Brücke verläuft die Doppelleitung genau umgekehrt: Hier liegt die jüngere Leitung oberhalb der älteren und die Differenz der Kanalsohlen wird in Fließrichtung immer größer. Nachdem die Trasse der älteren Leitung auch an der Stadtmauer von Ephesos entdeckt werden konnte, wobei sie hier 8 m unter der jüngeren Leitung liegt, ist nun deutlich, dass der zweite Teil der Doppelleitung aus einem anderen Grund gebaut worden war: Da der Aquädukt während des Neubaus zwischen der Störung und der Bahçecıkboğaz-Brücke ohnehin außer Berieb war, entschlossen sich die Ephesier, von der Bahçecıkboğaz-Brücke bis zur Stadt eine neue Leitung mit größerem Querschnitt und höherer Lage zu errichten, sodass höher gelegene Bereiche der Stadt mit dem Wasser dieses Aquäduktes versorgt werden konnten.
  3. Im dritten Bereich, vom Mezarlık-Tunnel bis in die Stadt, liegt der Aquädukt wieder großteils unterirdisch, sodass nur die Brückenreste sichtbar sind. 2007 und 2011 konnten hier in Sondagengrabungen zwei Absetz- und Tosbecken unmittelbar vor und nach der Arwalya-Brücke, einfache Kanalquerschnitte und der Verlauf unter dem hellenistischen Stadtmauerturm, durch den der Aquädukt in das Stadtgebiet von Ephesos gelangt, freigelegt werden. Außer an der Arwalyaçeşme-Brücke und vor der Stadtmauer sind aufgrund der tiefen Lage von der älteren Leitung keine Reste mehr vorhanden, die vermutlich durch die landwirtschaftlichen Nutzung der Ebene entfernt wurden. Lediglich ein dicht bewachsener Geländesprung unterhalb der Pisidere-Brücke könnte noch Reste der älteren Brücke verbergen.

  

 

Projektdauer

2009–2013

 

 

Finanzierung

FWF

 

 

Kooperationen

 

 

Literatur (Auswahl)

  • W. Alzinger, Beispiele antiker Wasserversorgungsanlagen: Ephesos, in: Frontinus-Gesellschaft (Hrsg.), Die Wasserversorgung antiker Städte II (Mainz 1987) 180–184.
  • P. Forchheimer, Wasserleitungen, in: FiE 3 (Wien 1923) 224–255.
  • Ü. Öziş – A. Atalay, Fernwasserleitungen von Ephesos, in: H. Friesinger  – F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposiums Wien 1995, AForsch1 = DenkschrWien 260 (Wien 1999) 405–411.
  • G. Wiplinger, Stand der Erforschung der Wasserversorgung in Ephesos/Türkei, Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft 27, April 2006, 15–48.
  • G. Wiplinger, Der lysimachische Aquädukt von Ephesos und weitere Neuentdeckungen von 2005, in: Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft 27, April 2006, 121–126.
  • G. Wiplinger, Wasser für Ephesos, Stand der Erforschung der Wasserversorgung, in: G. Wiplinger (Hrsg.), Cura Aquarum in Ephesus, Proceedings of the 12th International Congress on the History of Water Management and Hydraulic Engineering in the Mediterranean Region, BABesch Suppl. 12 = SoSchrÖAI 42 (Leiden 2006) 23–39.
  • G. Wiplinger, Neue Ergebnisse zur Wasserversorgung in Ephesos, in: Cura Aquarum in Jordanien, Proceedings of the 13th international Conference on the History of Water Management and Hydraulic Engineering in the Mediterranean Region, Petra/Amman 31 March – 9 April 2007, Schriften der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft 12 (Siegburg 2008) 313–327.
  • G. Wiplinger, Die Wasserversorgung von Ephesos in byzantinischer Zeit, in: F. Daim – J. Drauschke (Hrsg.), Byzanz – das Römerreich im Mittelalter, Teil 2, 2 Schauplätze, Monographien des RGZM 84, 2, 2 (Mainz 2010) 593–613.

 

 

Kontakt

Gilbert Wiplinger